Pisa-Studie Moderner Aberglaube

Zum fünften Mal hat die OECD mit der Pisa-Studie ein Länder-Ranking im Bereich Bildung erstellt

Deutschland zittert mal wieder. Am Dienstag veröffentlicht die OECD die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie. Doch warum sind alle so auf die bekannteste aller Bildungsstudien fixiert? Schließlich ist nicht einmal gesichert, dass sie misst, was sie zu messen vorgibt.

Von Thomas Steinfeld

Am kommenden Dienstag wird die OECD in einer konzertierten Aktion, in Mexiko-Stadt, Tokio, Berlin und einigen anderen Hauptstädten der Welt, zum fünften Mal die Ergebnisse einer internationalen Pisa-Studie vorstellen. Ob sich die Fünfzehnjährigen in Deutschland von ihrem sechzehnten Platz in Mathematik und ihrem zwanzigsten in "Leseverständnis" (2009) ein wenig weiter haben vorarbeiten können, wird die Frage sein, die dann die Öffentlichkeit zuerst bewegt, bevor danach die üblichen Probleme gewälzt werden: Ob das deutsche, dreigliedrige Schulsystem noch immer dazu führe, dass die Herkunft eines Schülers in hohem Maße über dessen Leistung entscheide, ob mit Migrantenkindern nunmehr halbwegs angemessen umgegangen werde oder ob die Studie überhaupt zu amerikanisch, zu "utilitaristisch" angelegt sei und sie also, obwohl sie gemeinhin als "Bildungsvergleich" gelte, mit Bildung sehr wenig zu tun habe.

Das alles ist, wechselnden Positionen für "Deutschland" zum Trotz, seit mehr als zehn Jahren Routine - ebenso wie die sich daraus ergebende Forderung, man müsse noch viel mehr für die intellektuelle Leistungsfähigkeit der Heranwachsenden tun, denn "Bildung" sei schließlich eine nationale Ressource.

Ein wenig merkwürdig ist das schon, auf der volkswirtschaftlichen wie auf der bildungstheoretischen Seite des Gedankens. Denn es ist ja zum einen nicht einmal gewiss, ob die Nation, horribile dictu, so viel intellektuelle Leistungsfähigkeit überhaupt braucht. Ist dieses Land nicht das bei weitem erfolgreichste in Europa, obwohl es andere Nationen gibt, die nordischen Staaten vor allem, die auf der Pisa-Rangliste deutlich weiter oben stehen? So könne man aber nicht argumentieren, mag dieser Frage entgegengehalten werden, denn "Bildung" liege ja auch unmittelbar im Interesse jedes Einzelnen.

Gerede von der "Wissensgesellschaft"

Aber geht es bei Pisa überhaupt darum? Wenn Deutschland beim "Leseverständnis" auf dem zwanzigsten Platz liegt, wird dieses "Mittelmaß" bisher jedenfalls vor allem um der Nation willen beklagt, und weniger, weil halbe Analphabeten von vielen Dingen des Lebens ausgeschlossen sind. Und überhaupt dürfte ein selektives Schulsystem, das junge Menschen, die wenig oder etwas Unpassendes gelernt haben, von weiteren Zugängen zum Wissen ausschließt, kaum einen Anlass geben, dem Gerede von der "Wissensgesellschaft" allzu viel Glauben zu schenken.

Zum anderen aber ist, ungeachtet dessen, dass es internationale Pisa-Studien nunmehr seit dreizehn Jahren gibt, dass sie mit einem gigantischen Aufwand betrieben werden und dass sie jeweils von dem national zuständigen Ministerium gewollt und getragen sind, keineswegs gesichert, dass sie messen, was sie zu messen vorgeben - oder ob das, was sie messen, überhaupt etwas ist, was auch nur für den persönlichen Erfolg relevant wäre, um vom nationalen gar nicht erst anzufangen.

Diese Unsicherheit beginnt mit den Tests, die den Studien zugrunde liegen: Denn kein Test wird Wissen schlechthin prüfen können. Erfasst werden kann nur, was zuvor ausgewählt, standardisiert und zum Zweck der Prüfung aufbereitet wurde.

Vor dreizehn Jahren löste die erste internationale Pisa-Studie einen "Schock" aus, weil sie, etwa beim "Leseverständnis", einige gravierende Mängel offenbarte - und dass da, auf eher elementarem Niveau, mit der Schule etwas nicht stimmen konnte, konnte jeder wissen, der zum Beispiel Erstsemesterarbeiten zu begutachten hatte. Als Kulturtechnik lässt sich "Leseverständnis" ja durchaus testen; man misst dann in den unteren Klassen den Grad der erfolgreichen Alphabetisierung.

Die Weiterungen aber sind problematisch: Je komplexer die Lesegegenstände werden, desto schwieriger muss die Messung sein. Wenn das Prüfverfahren jenseits der elementaren Kulturtechniken auf Eindeutigkeit beharrt, wird weniger das Wissen oder gar "Bildung" getestet, sondern das Maß, in dem sich Schüler - oder sogar ganze Schulsysteme - an bestimmte Aufgaben anpassen. Was passiert dann, wenn ein Text richtig gelesen, aber falsch verstanden wird?