Pisa 2015 "Pisa ist ein Einfallstor für die Privatisierung im Bildungswesen"

Mit Ihrer Ablehnung von Pisa stehen Sie unter den Bildungsforschern nicht allein. Warum ist die Studie trotzdem für die Politik so ein wichtiger Gradmesser?

Weil es einfach ist, Zahlen in einer Tabelle miteinander zu vergleichen und dann womöglich zu sagen: 'Südkorea hat ja in Mathematik viel besser abgeschnitten, vielleicht sollten wir uns an deren Schulsystem orientieren.' Dass dieses System aber auf Lernen bis zum Umfallen unter Vernachlässigung jeglicher sozialer Komponenten beruht, das steht in der Rangliste nicht. Wir können durch die Digitalisierung viel mehr Dinge messen als je zuvor. Und weil wir es können, glauben wir leider manchmal auch, dass wir es müssen.

Was meinen Sie damit?

Die Legitimierung der Politik durch Daten ist das einfachste, was man sich als Politiker wünschen kann. Pisa hat dazu beigetragen, dass die Bildungspolitik erheblich mehr unter Druck steht als früher. Die Studien kommen alle drei Jahre, und in der Zeit sollen Ergebnisse sichtbar sein. Bei manchen Reformen ist das aber gar nicht möglich.

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Deshalb werden Schüler immer häufiger in Studien wie TIMSS, Vera oder IQB getestet, um zu überprüfen, ob die Bildungspolitik auf dem richtigen Weg ist.

Absolut, das ist in den USA nicht anders und in meinen Augen unsinnig. US-Schüler müssen etwa einmal pro Monat einen großen standardisierten Test absolvieren - an diesen Testtagen passiert übrigens in den Schulen sonst überhaupt nichts. Die Schüler gehen dann schon mit Bauchschmerzen zur Schule, was dazu geführt hat, dass viele Eltern ihre Kinder an den Testtagen einfach krank melden. Aber diese ständigen Tests bedeuten nicht nur Stress für die Schüler, sondern sind auch sonst problematisch.

Inwiefern?

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob bei diesen Tests das Kosten-Nutzen-Verhältnis passt. Damit meine ich nicht nur die finanziellen Kosten, sondern auch die intellektuellen. Es gehen schließlich für Schüler wie auch Lehrkräfte eine Menge Ressourcen verloren, damit so viel getestet werden kann. Der zentrale Punkt, der Pisa und Co. so gefährlich macht, ist aber meiner Ansicht: Damit werden privaten Anbietern Tür und Tor geöffnet, die diese Tests nicht nur durchführen, sondern unter Umständen auch Daten auswerten.

Sie meinen Anbieter wie den Bildungsverlag Pearson. Wie arbeiten solche Unternehmen?

Sie bieten zum Beispiel an, auf den einzelnen Schüler heruntergebrochene Teiluntersuchungen mitzuliefern, wenn das die Schulleitung oder auch die Eltern des Kindes denn kaufen wollen. Da steht dann drin, was Johnny machen muss, damit er seine Probleme in Algebra in den Griff bekommt. Auf einen Nenner gebracht: Pisa ist ein Einfallstor für die Privatisierung im Bildungswesen.

Aber die Entscheidungsgewalt liegt doch trotzdem bei den zuständigen Ministerien - egal, was in derlei Untersuchungen privater Anbieter herauskommt.

In den USA nicht. Da können auch einzelne Schulen oder Schuldistrikte solche Entscheidungen treffen. Es geht natürlich um eine De-facto-Privatisierung, die durch profitorientierte Unternehmen angetrieben wird. Wenn dann politische Reformen aufgrund solcher Studien aus privater Hand beschlossen werden, kann man von deutlichen Interessenkonflikten sprechen.

Würden Sie solche auch der OECD unterstellen?

In der OECD sind die einzelnen Länder durch Finanz- und Wirtschaftsminister vertreten. Dort herrscht ein großes Interesse an Wettbewerbsfähigkeit, nicht an Bildung. Wenn sich die Bildungspolitik nun also an Pisa orientiert, mag das sehr im Sinne der Wirtschaft sein - ob es aber im Sinne der Bildung und damit der Schüler ist, würde ich bezweifeln.

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