Pilotprojekt in Berlin Schule schickt SMS an Schulschwänzer

SMS gegen Schuleschwänzen: Ein Pilotprojekt in Berlin

(Foto: dpa)

Bis zu 20 Prozent Abwesenheitsquote an Berufsschulen: Berlin will künftig konsequenter gegen Schuleschwänzen vorgehen - und schwänzende Schüler per Handy an den Unterricht erinnern. Doch es gibt Bedenken gegen das Projekt.

Von Carsten Janke

Manche Schulleiter mögen keine SMS. Das ständige Gepiepse und Gebrumme störe den Unterricht, meinen sie. Handys sollten lieber zu Hause bleiben. Ronald Rahmig sieht die Handys als Chance. Er würde gern Schülern, die morgens nicht in die Schule kommen, eine SMS schicken. Seit drei Jahren kämpft der Schulleiter jetzt schon für diese Idee und man kann den Eindruck bekommen, er kämpft ziemlich allein.

Rahmig ist ein stämmiger Typ, er trägt die Haare zum Zopf, und die Manschettenknöpfe seines Anzugs zieren Totenköpfe. Er leitet ein Oberstufenzentrum für Kraftfahrzeugtechnik und fährt selbst gern Motorrad, wahrscheinlich kein ganz kleines. Niemand also, der sich schnell von einer Idee abbringen lässt, wenn sie schwer umsetzbar zu sein scheint. Die Schulschwänzer-SMS ist genau so ein Fall.

Vor zwei Jahren hatte die damals frisch gekürte Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) angekündigt, man werde Schuleschwänzen in Zukunft konsequenter bekämpfen. Die Zahlen waren erschreckend, an Berufsschulen lag die Abwesenheitsquote in einigen Bildungsgängen bei 20 Prozent. Es werde zu diesem Zweck ein elektronisches Klassenbuch geben, mit dem Schulen schneller auf Fehlzeiten ihrer Schüler reagieren könnten, zum Beispiel mit einer SMS. An zehn Schulen solle es getestet werden, bis 2014 wolle man über die generelle Einführbarkeit an allen Berliner Schulen entscheiden.

Inzwischen ist das Modellprojekt auf eine Schule geschrumpft, die von Schulleiter Rahmig. Die Kosten sind allerdings auf das Doppelte des Vorausgesagten gestiegen. Etwa 140 000 Euro hat die technische Umsetzung bisher gekostet, für gesicherte Funknetzwerke, Notebooks und die Weiterbildung der Lehrer. Ob es nach dem Modellprojekt wirklich weitergeht, darauf will sich die Politik nicht mehr festlegen. Was ist denn so kompliziert daran, eine SMS zu verschicken? "Das hört sich jetzt relativ übersichtlich an", sagt Schulleiter Rahmig, "da steckt der Teufel aber technisch im Detail, weil die Verbindung zu den Schulverwaltungs- und Stundenplanprogrammen sichergestellt werden muss."

Wer eine SMS verschicken will, braucht nämlich ein elektronisches Klassenbuch. Das soll zum einen die SMS verschicken, wenn ein Schüler fehlt. Außerdem soll es die Verspätung dokumentieren, sodass Lehrer und Sozialpädagogen sich jederzeit über einzelne Schüler informieren können. Denkbar ist auch, dass Eltern eines Tages die Fehlzeiten ihrer Kinder online einsehen oder Schüler den aktuellen Unterrichtsstand abfragen können, wenn sie mal krank sind.

Die SMS soll nur der erste Schritt sein

Das ist aber noch Zukunftsmusik. Die Bildungssenatorin dürften im Moment andere Sorgen plagen. Weil Datenschützer gegen das Projekt zu Felde zogen, musste in vielen technischen und inhaltlichen Fragen nachgebessert werden. Und die Befürchtungen scheinen begründet. In Österreich, lange ein Vorreiter beim elektronischen Klassenbuch, wurde vor Kurzem ein Datenleck entdeckt, durch das die Testergebnisse von 400 000 Schülern und Mail-Adressen von 37 000 Lehrern im Internet abrufbar waren. Zum Glück waren wenigstens die Namen der Schüler verschlüsselt.

Ronald Rahmig ist froh, dass das elektronische Klassenbuch an seiner Schule jetzt angelaufen ist. Zwanzig Kurzbotschaften habe man bereits verschickt. Einige Schüler seien deshalb doch noch zum Unterricht gekommen. Mohammed Hamade, der nach eigenen Worten "öfter verschläft" sieht die Neuerung positiv. "Zum einen weckt es Motivation, um weiterzumachen", sagt der 18-Jährige, der hier sein Fachabitur macht. "Zum anderen bekomme ich dann auch Schuldgefühle, dass ich nicht da bin. Ich finde es gut, wenn man mich da verständigt."

Und wenigstens in einem Punkt sind sich Bildungssenatorin, Schulleiter und Datenschützer erstaunlich einig: Mit Zwang komme man bei hartnäckigen Schulschwänzern nicht weiter. Die SMS sei deshalb nur der erste Schritt in die richtige Richtung. Als Nächstes müsse auch der Unterricht verbessert werden, etwa mit praxisorientierten Lerngruppen.

Und mehr Sozialpädagogen an Berliner Schulen sollte es ebenfalls geben. Auch hierfür wäre die Berufsschule von Schulleiter Rahmig ein gutes Versuchsfeld. Mehr als 2000 Schüler werden bisher von einem einzigen Sozialpädagogen betreut. Und der hat nur eine Halbtagsstelle.