OECD-Bildungsbericht 2014 Überraschendes Lob für die deutsche Lehre

Deutschland bilde zu wenige Akademiker aus, kritisierte die OECD in den vergangenen Jahren. Im jüngsten Bildungsbericht lobt sie nun ausdrücklich das duale Ausbildungssystem - und die "damit einhergehenden niedrigen Erwerbslosenquoten".

Von Johann Osel

Trotz des jüngsten Ansturms auf die Hochschulen weist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem "Bildungsbericht 2014" auf einen Rückstand Deutschlands bei den Akademikerquoten hin. 31 Prozent der jungen Menschen hierzulande werden im Verlauf ihres Lebens voraussichtlich ein Studium abschließen, heißt es in der am Dienstag präsentierten Studie. Im OECD-Schnitt seien es 38 Prozent, in Ländern wie Finnland, Dänemark oder Polen um die 50 Prozent.

Die "Bildungsexpansion in vielen OECD-Ländern" habe zudem jungen Menschen die Möglichkeit verschafft, ein höheres Bildungsniveau zu erreichen als ihre Eltern. In Deutschland sei bei den formalen Abschlüssen dagegen "kein wesentlicher Zuwachs" von Generation zu Generation zu erkennen. 65 Prozent der jetzigen Studenten stammten aus akademischen Elternhäuser.

Allerdings würdigt die Organisation die Steigerung der Studenten - seit 2011 sind es nun jährlich etwa eine halbe Million Erstsemester. Und ausdrücklich betont die OECD das duale Ausbildungssystem und die "damit einhergehenden niedrigen Erwerbslosenquoten". Das deutsche System der Lehre könne ein Grund sein, dass die Neigung zum Studieren "in Deutschland möglicherweise schwächer ausgeprägt ist als in anderen Ländern". Erst seit dem Bericht im vergangenen Jahr betont die OECD diese Besonderheit des deutschen Systems - in den Jahren zuvor hatte es dagegen Konflikte zwischen der Organisation und der Bundesregierung gegeben.

Die deutsche Bildungspolitik lobt sich selbst

Insofern können Bildungspolitiker von Bund und Ländern am Dienstag ohne Verteidigungshaltung und Schaum vorm Mund auf die Ergebnisse blicken. "Deutschland bildet sich wie nie zuvor. Und das ist die beste Absicherung gegen Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel", sagt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) bei der Präsentation der Ergebnisse in Berlin. "Der Erfolg unseres Bildungssystems resultiert auch daraus, dass den jungen Menschen mit Hochschulausbildung und beruflicher Bildung zwei gleichwertige Alternativen zur Verfügung stehen. Beide bieten optimale Möglichkeiten für die berufliche Zukunft."

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, sagte: "Deutschland hat in den vergangenen Jahren enorme Anstrengungen unternommen, um die Qualität des Bildungswesens nachhaltig zu steigern. Die Investitionen zahlen sich aus."

Die Debatte über eine bessere Balance zwischen Studium und Ausbildung wird freilich weitergehen. Zum Ausbildungsbeginn vergangene Woche hatte sich sogar Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Wort gemeldet, sie sorgt sich um die Zukunft der dualen Ausbildung. "Wir müssen aufpassen, dass wir noch genügend junge Leute haben, die auch eine duale Ausbildung machen."

Handwerk sowie Industrie- und Handelskammern sprachen jüngst von einem "Akademiker-Wahn", sie verwiesen auf mehr als 80 000 unbesetzte Lehrstellen. Nach den Worten des Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Eric Schweitzer, dürften sich die Jobchancen für Beschäftigte mit einer Berufsausbildung künftig deutlich verbessern. Das gelte nicht nur für die Arbeitsplatzsicherheit, sondern auch fürs Gehalt. "Perspektivisch dürfte sich das Einkommensgefüge insgesamt sogar zugunsten der beruflich Gebildeten verschieben, wenn der Trend zur Akademisierung weitergeht", so Schweitzer.

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Gewaltiger Akademiker-Vorsprung beim Verdienst

Dem widerspricht nun allerdings der OECD-Bericht. Demnach verdienen Akademiker in Deutschland im Schnitt 74 Prozent mehr als Erwerbstätige, die nach der Realschule oder dem Gymnasium weder zur Universität oder Fachhochschule gegangen sind oder auch keinen Meisterkurs besucht haben. Eine Kluft, die gewachsen sei, 2000 lag dieser Vorsprung nur bei 45 Prozent. Im Schnitt der anderen OECD-Nationen liegt der Einkommensvorteil bei 59 Prozent.

In weiteren Fragen verteilt der OECD-Bildungsbericht Lob wie Tadel für Deutschland. Mit zehn Prozent seien weniger 15- bis 29-Jährige weder in Bildung noch Ausbildung als im Schnitt der untersuchten Staaten (15 Prozent). Gleichwohl sei in der Bundesrepublik der Bildungserfolg wie in kaum einem anderen Industrieland nach wie vor eng gekoppelt an die soziale Herkunft.

Deutlich mehr Mädchen und Jungen nehmen Angebote der frühkindlichen Bildung wahr - 91 Prozent der Dreijährigen und 96 Prozent der Vierjährigen. Mehr als in anderen Ländern. Ein Anstieg ist zu verzeichnen bei Frauen in naturwissenschaftlichen Studiengängen - sie machen 44 Prozent aller Abschlüsse aus, drei Prozentpunkte mehr als im OECD-Durchschnitt.