Noten im Studium Wie gut bin ich eigentlich?

Endlich Ordnung im Studium: Mit dem Programm Gradeview können Studierende ihre Noten kostenlos verwalten und vergleichen, innerhalb der eigenen Hochschule und sogar bundesweit. Stress oder Anreiz?

Von Hannes Vollmuth

Es gibt Dinge, die kennt man aus Unternehmen, aus Wahlanalysen und vielleicht noch aus dem Sport. Aber sicher nicht aus dem Leben von Studenten. Dinge wie Leistungsbilanzen, Studienfortschrittsanzeigen, Prozentsäulen für Noten, nationale Erfolgsrankings, Zielvorgaben für das Semester. Und eine Antwort auf die bohrende Frage: Bin ich eigentlich gut oder doch nur Durchschnitt?

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Gradeview heißt das Programm, das diese Antwort liefern soll, zu Deutsch: Notenübersicht. Gradeview ist eine kostenlose Internetanwendung aus Passau. Jeder Student kann auf gradeview.de oder der passenden App seine Noten verwalten, das Studium planen und sich anonym vergleichen. Das geht mit Noten und Credit Points, aber auch mit dem Abitur, Praktika und Auslandsaufenthalten. 24 000 Menschen nutzen schon die Anwendung, 4000 kommen jeden Monat dazu. Offenbar trifft Gradeview einen Nerv. "Wir wissen, was Studenten brauchen", sagt Max Weber, "wir haben ja gerade selbst noch studiert."

Weber ist 24 und der Erfinder von Gradeview. Die Idee kam ihm vor zwei Jahren. Damals studierte er Betriebswirtschaft in Passau. Wenn Weber laufen ging, zeichnete sein Smartphone das Höhenprofil auf. Auch für seine Aufgabenlisten hatte er eine App. Er organisierte und vermaß so ziemlich alles, was man mit Programmen organisieren und vermessen kann. Nur für seine Noten fand Weber kein Programm.

Unternehmen zahlen, Studierende nicht

Ihn quälte die Frage eines jeden leistungsorientierten Studenten: Welche Note hat der andere? "Das ist in der Grundschule schon so, und das hat sich bis ins Studium nicht geändert", sagt Weber. Anfang 2013 schalteten er und sein Freund Jonas Menk, 25, Gradeview frei. Nutzer erhalten sogar Angebote für Jobs und Praktika, die zu ihnen passen sollen. Dafür zahlen die Unternehmen, für Studenten ist der Dienst kostenlos - darauf setzt das Geschäftsmodell.

350 000 Noten haben die Gradeview-Nutzer schon eingetragen. Aber mal ehrlich: Will man wirklich den ständigen Vergleich?

Offenbar schon, glaubt man der Programmauswertung. Die meisten Studenten nutzen die Möglichkeit. 50 Prozent der Nutzer kommen aus Fächern wie Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften, weitere 30 Prozent sind Wirtschaftsstudenten, alles Studenten aus Fächern also, wo Zahlen die große Rolle spielen. Eine Analyse des Wissenschaftsrats aus dem Jahr 2012 ergab: Wie gut ein Uni-Abschluss ausfällt, hängt nicht nur ab von der Leistung, sondern auch vom Fach und dem Standort der Universität. So gesehen, könnte Gradeview auch irgendwann für die Transparenz von Uni-Noten sorgen.

Professionell wie der Jahresbericht einer studentischen Ich-AG

Aber es gibt auch Kritiker unter den Studenten: "So ein Vergleich", sagt einer, "der stresst." Oder nennt man das dann Anreiz?

Eine Sache muss man Gradeview auf jeden Fall lassen. Die Oberfläche wirkt hoch professionell, wie der Jahresbericht einer studentischen Ich-AG: Prozentsäulen leuchten, das Durcheinander des Studiums fügt sich plötzlich in eine Ordnung, in nüchterne Tabellen und Zahlen mit zwei Stellen hinter dem Komma. Über Begriffe wie Charakter und Bildung, darüber sagt das Computerprogramm natürlich nichts. Wen allerdings das Höhenprofil seiner Laufstrecke fasziniert, der wird auch Gradeview mögen.