Nachruf auf die Studiengebühren Sparen am falschen Ende des Bildungssystems

Die Gegner sagen, Bildung ist Grundaufgabe des Staates. Richtig. Doch ist es nicht im Bereich der vorschulischen Betreuung so, dass die meisten Familien sich an Kindergartenkosten beteiligen? Hier akzeptieren wir das Modell einer Mischfinanzierung, warum nicht an der Uni?

Es wird am falschen Ende des Bildungssystems gespart. Zeit und Geld, das Finanzierungslücken an den Unis stopfen hilft, wäre besser in den schulischen und vorschulischen Bereich investiert, um Bildungsungleichheit zu kompensieren.

Drittens verbessern Gebühren gezielt Lehre und Studium: Dies zeigt sich an kleineren Seminargrößen, längeren Bibliotheksöffnungszeiten, mehr Computerarbeitsplätzen, an Tutorien, kostenfreien Studienmaterialien und Exkursionen, Blockseminaren, innovativen Lehrformaten sowie externen Lehraufträgen, die oft Praktiker an die Uni holen. Auch Gebührengegner müssen ehrlicherweise anerkennen, dass hier ein echter Beitrag zur Besserausstattung der Unis geleistet wurde.

Studienbeiträge ermöglichen zugleich die Ausbildung von qualifiziertem Personal. Allein an meiner mittelgroßen Universität in Augsburg wurden 288 Stellen geschaffen, auf denen junge Menschen erste akademische Berufserfahrung sammeln. Hinzu kommen Hunderte studentische Jobs und Tutorenstellen, die an die erfolgreichsten Studierenden gehen. Dieses mit Zeitverträgen versehene Personal könnte nun seine Stellen verlieren. Noch früher kommt es zu Einschnitten bei studentischen Hilfskraftverträgen, denn die sind ohnehin nur auf sechs Monate befristet.

Viertens eröffnen Studienbeiträge autonome Spielräume ohne staatliche Gängelung: Über den sinnvollen Einsatz der Beiträge entscheiden Lehrende und Studierende gemeinsam. Das geschieht vor Ort, "ganz nah beim Kunden" und nur im Rahmen der allgemeinen Bestimmung, dass Studienbeiträge zur Verbesserung der Lehre dienen. Keine ferne Kultusbürokratie redet uns hier hinein. Diese Freiräume werden Studierende, Lehrende und Hochschulleitungen noch vermissen. Das haben die Gegner der Studienbeiträge nicht bedacht: Sie eröffnen mehr obrigkeitsstaatlichen Zugriff und tragen zur Abschaffung autonomer Gestaltungsmöglichkeiten bei.

Fünftens: Was ist der Gesellschaft die Uni wert? Erst werden die Gehälter der Professoren und Mitarbeiter gekürzt, dann wird aus Populismus und Kurzsichtigkeit das Geschenk der Studienbeiträge verspielt, das kreative Spielräume eröffnete. Das Bittere daran ist, dass dies weitgehend über die Köpfe der Betroffen hinweg geschieht und diese keinerlei Handhabe dagegen haben.

Verloren geht der Effekt der unmittelbaren Beteiligung der Studierenden, die ihre Universität künftig wieder als Behörde verstehen, nicht als eine Institution, an der sie direkten Anteil haben: Denn wer Gebühren bezahlt, erwartet mehr als eine Massenabfertigung. Er oder sie identifiziert sich mit seiner Uni. Aber auch die Uni sieht zahlende Studierende nicht als Last, sondern wird sich mehr um sie bemühen.

Welch eine Verschwendung, in Zeiten sprudelnder Steuereinnahmen und großen privaten Wohlstands uns eines Instruments zu berauben, das die Situation an den Hochschulen nachweislich verbessert hat, das für mehr Bildungsgerechtigkeit steht, und zwar nicht auf Kosten der Allgemeinheit, sondern derjenigen, die am meisten davon profitieren.

Philipp Gassert, 47, lehrt transatlantische Geschichte an der Universität Augsburg, nach vorherigen Stationen in Heidelberg, München, Washington und Philadelphia.