Model United Nations "Ich war noch niemals in New York"

Alexander Orlowski, 23, nimmt im März am Planspiel der Vereinten Nationen in New York teil. Derzeit macht er an der Universität Tübingen seinen Master.

(Foto: OH)

Deutsche Studierende nehmen am Planspiel der Vereinten Nationen teil - aus dem Leben eines simulierten Diplomaten.

Von Ulrike Nimz

Im März finden in New York die "Model United Nations" statt. Studierende aus aller Welt treffen sich in den UN-Gebäuden, um Konferenzen zu simulieren und Lösungsansätze für aktuelle politische Themen zu diskutieren. Alexander Orlowski, Student an der Universität Tübingen, ist das erste Mal dabei.

SZ: Herr Orlowski, Sie sind seit Kurzem Chilene.

Alexander Orlowski: Kann man so sagen. Beim Planspiel der Vereinten Nationen bin ich einer von 17 Delegierten der Uni Tübingen, und wir vertreten das Land Chile.

Ein gutes Land? Die AfD empfahl Angela Merkel kürzlich, dorthin ins Exil zu gehen.

Ich finde schon. Kaum ein Land treibt seine außenpolitischen Beziehungen so voran wie Chile, das Land belegt aktuell Platz 41 im Human Development Index der UN, dem Wohlstandsindikator für Staaten, und liegt damit in Südamerika vorn. Die Uni Tübingen war auch schon mal der Irak.

Sie mussten sich bewerben, um an dem Rollenspiel teilzunehmen. Was muss man mitbringen, um Politik zu simulieren?

Man musste ein Motivationsschreiben verfassen und eine freie Rede halten - auf Englisch natürlich. Dann die Rules of Procedure lernen, also Regeln, die Redezeit und das Abstimmungsverfahren festlegen. Oberste Maxime ist es, niemanden vor den Kopf zu stoßen. Selbst bei schwierigen Themen wie internationalem Terrorismus oder Massenvernichtungswaffen.

Planspiele haben - wie die Politik auch - den Ruf, eher ein launiges Beieinander denn sinnstiftendes Erlebnis zu sein. Wie diszipliniert sind Sie und Ihre Mitstreiter?

Nach einem Semester Vorbereitung läuft alles sehr routiniert. Alle sind in ihre Themen eingearbeitet, ob nun Frauenrechte oder Cyber-Spionage. Kürzlich haben wir eine Delegation aus Hohenheim und Heidelberg getroffen. Interessant war, dass alles wenig kompetitiv ist. Man sitzt tatsächlich zusammen und versucht, eine Lösung für internationale Konflikte zu finden. Natürlich kann man sich immer die Frage stellen, was das alles bringt. Wir können ja keine Beschlüsse fassen.

Was bringt das alles?

Ich finde es immer gut, wenn sich junge Menschen Gedanken über die Welt um sie herum machen. Gerade Polit-Veteranen sind ja oft sehr festgefahren. Mir ging es darum, mich mal außerhalb des wissenschaftlichen Arbeitens kennenzulernen, rhetorische Fähigkeiten zu schulen. Jemand anderes fühlt sich anschließend vielleicht wirklich berufen, in die Politik zu gehen. Natürlich geht es bei solchen Spielen auch darum, Talente zu wecken und den potenziellen Nachwuchs zu fördern.

Waren Sie schon einmal in Chile?

Nein. Dafür fehlen Geld und Zeit. Ich bin im dritten Semester, die Masterarbeit steht an. Auslandsaufenthalte sind schwierig, gerade während so eines Projekts.

Aber Sie reisen im März nach New York. Billig wird auch das nicht.

Für Teilnahme, Flug und Aufenthalt fallen pro Teilnehmer etwa 1500 Euro an. Das müssen wir selbst stemmen. Wir werben also von Unternehmen in Tübingen Geld ein und fragen bei Stiftungen an. Wir haben eine Tombola gemacht. Heute gibt es einen Kuchenverkauf.

Kuchen für den Weltfrieden sozusagen.

Kleinvieh macht auch Mist. Ich war schließlich noch niemals in New York.

Vielleicht ist es noch zu früh für dieses Frage, aber: Haben Sie etwas gelernt?

Ich sehe, wie komplex die Arbeit der Diplomaten ist. Nur bei der UN sitzen 193 Länder an einem Tisch und ringen um jedes Wort. Ich habe früher oft beim Frühstück über der Zeitung gesessen: Mensch, da geht ja wieder nichts voran. Heute denke ich anders darüber. Wenn jemand auf der Welt etwas verändern kann, sind das die Vereinten Nationen. Miteinander reden ist immer die sinnvollste Form der Auseinandersetzung.