Milliardengeschäft Nachhilfe Überforderte Eltern

Etwa eine Milliarde jährlich pumpen besorgte Mütter und Väter in den Nachhilfemarkt. Jeder vierte Schüler lässt sich helfen - ein Beitrag zum Familienfrieden.

Von A. Straush

Meistens ist es eine Vier auf dem Halbjahreszeugnis, die Eltern unruhig werden lässt. Jetzt muss dringend etwas passieren, denken viele und melden ihr Kind zur Nachhilfe an. Zwischen 0,9 und 1,2 Milliarden Euro jährlich fließen so von besorgten Müttern und Vätern an Privatlehrer und Institute. Statistisch gesehen nimmt jeder vierte Schüler der Klassen acht bis zehn in mindestens einem Fach bezahlte Lernhilfe in Anspruch. Das ist das Ergebnis einer Studie des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FIBS), die Angebot, Nachfrage und Wirkung von Nachhilfe in Deutschland zum ersten Mal systematisch unter die Lupe genommen hat.

Ein Nebenjob, mit dem sich Schüler höherer Jahrgänge oder Studenten gern das Taschengeld aufbessern, wird zunehmend von kommerziellen Dienstleistern entdeckt. Ihre Zahl ist seit Mitte der neunziger Jahre deutlich angestiegen. Deutschlandweit gibt es laut FIBS-Studie etwa 300 Unternehmen mit insgesamt rund 3000 Filialen. Jeweils tausend davon gehören als Franchise-Nehmer den beiden Marktführern Studienkreis und Schülerhilfe an.

Internationales Geschäft

Der Trend geht zum internationalen Geschäft: Im Jahr 2003 wurde die Studienkreis GmbH von der Cornelsen Verlagsholding übernommen, Filialen in Luxemburg, Österreich und der Schweiz kamen dazu. 1998 fusionierte die Schülerhilfe mit Sylvan Learning Systems Inc., dem größten privaten Nachhilfeunternehmen Nordamerikas. Acadomia, Marktführer in der Vermittlung von Einzelunterricht in den heimischen vier Wänden, ist ein französisches Unternehmen. Mit mehr als 170 Filialen hat selbst ein japanischer Bildungsanbieter, die Kumon GmbH, auf dem deutschen Markt Fuß gefasst.

Auffällig am Nachhilfe-Boom ist, dass nicht nur Wackelkandidaten die Hilfe in Anspruch nehmen. Über ein Drittel der Nachhilfeschüler hat laut FIBS-Studie Noten von drei und besser. Diese Angaben decken sich mit einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Synovate. Danach sind 40 Prozent der Nachhilfeschüler nicht akut versetzungsgefährdet. Sie büffeln freiwillig, um ihre guten bis ausreichenden Noten weiter zu verbessern oder zu halten.

Belastetes Verhältnis zum Kind

Dieter Dohmen, Direktor des FIBS, nimmt dies als einen Hinweis darauf, dass das Bildungssystem als zentraler Wegweiser für spätere Lebenschancen betrachtet wird. Befragte nannten als Motive für ihr zusätzliches Engagement Lehrstellenknappheit und hohe Arbeitslosigkeit. Diese Leistungsorientierung könnte erklären, warum die Betroffenen zunehmend auf kommerzielle Anbieter setzen, die mit Professionalität und eigenen Lernkonzepten werben.

Die Eltern schätzten an der bezahlten Dienstleistung auch die Entlastung von einer Aufgabe, die sie kaum erfüllen können, sagt Cornelia Sussieck. Sie ist Vorsitzende des Bundesverbandes der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN) und gleichzeitig Inhaberin eines Nachhilfe-Instituts. "Viele Eltern machen die Erfahrung, dass sie mit der schulischen Förderung ihrer Kinder überfordert sind und das Verhältnis zu ihrem Kind belastet wird", meint Sussieck. Hier kommen mehrere gesellschaftliche Trends zum Tragen: Zum einen haben sich die Familienstrukturen geändert, beide Elternteile sind zunehmend berufstätig. Außerdem geht von Politik und Gesellschaft zunehmender Druck aus, einen höheren Schulabschluss zu erwerben. Nachhilfe, ist Sussieck überzeugt, sei somit ein Beitrag zum Familienfrieden.

Sorgen macht Dohmen, dass trotz hoher Erwartungen von Eltern und Schülern praktisch keine verlässlichen Informationen zur Qualifikation der Lehrkräfte vorliegen, die in den Instituten beschäftigt sind. Zum Betrieb einer Nachhilfeschule ist lediglich eine Gewerbeanmeldung nötig, aber kein Qualifikationsnachweis des Betreibers. Während Eltern für kommerziell organisierte Nachhilfe 150 Euro im Monat ausgeben, kosten nicht kommerzielle Angebote gerade mal die Hälfte oder sogar nur ein Drittel. Es gibt aber keine Garantie, dass die vermeintlich professionelleren Lehrer tatsächlich die besseren sind. "Es muss dringend ein einheitliches Zertifizierungs-, vielleicht sogar Akkreditierungsverfahren für die Anbieter her", sagt Dohmen.

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Kein Institut neben dem Erotikshop

Cornelia Sussieck stimmt ihm zu. Auch sie ist daran interessiert, dass der Nachhilfemarkt sein ungutes Image ablegt, schon um dem Schwarzmarkt, der mit den kommerziellen Anbietern konkurriert, zu schaden. Der Bundesverband verpflichtet seine Mitglieder formal auf einen Qualitätskatalog mit 19 Kriterien. Der reicht von hellen, renovierten Unterrichtsräumen über verständliche Geschäftsbedingungen bis zu regelmäßigen Fortbildungen für Lehrkräfte. Nach den Angaben der VNN-Vorsitzenden ist die Hälfte des institutionalisierten Nachhilfemarktes im Verband organisiert. Trotzdem konnte Sussieck, die gleichzeitig Vorsitzende des Deutschen Instituts für Gütesicherung und Kennzeichnung für Nachhilfe (INA) ist, erst 25 Schulen dessen Siegel verleihen.

Die Marktführer zumindest bemühen sich um nachgewiesenes Qualitätsmanagement. Der TÜV Rheinland hat bisher 600 der mehr als tausend Studienkreis-Filialen zertifiziert. 560 der 1100 Schülerhilfe-Niederlassungen haben sich der Kontrolle des TÜV Nord unterzogen. Diese Prüfungen fragen einen breiten Kriterienkatalog ab: Von der fachlichen und pädagogischen Eignung der Lehrkräfte über die Erreichbarkeit der Leitung bis zur räumlichen Nähe des Instituts zu Spielhallen oder Erotikshops.

Der Markt ist aber weit davon entfernt, in der Breite kontrolliert zu sein. "Zwei Drittel der Nachhilfe-Institute arbeiten mit unzulänglichen Methoden", argwöhnt Werner Kinzinger von der Verbraucherschutzorganisation Aktion Bildungsinformation (ABI) in Stuttgart. Auch TÜV-Siegel bewahren nicht vor Geschäftspraktiken, die aus Kinzingers Sicht zwar rechtlich zulässig, aber nicht akzeptabel sind. Er kritisiert zum Beispiel, dass Studienkreis und Schülerhilfe eine Vertragsbindung von mindestens sechs Monaten voraussetzen. Wenn Schüler mit einem Nachhilfe-Institut nicht zurechtkämen, würden sie schnell zu zahlenden Karteileichen. Viel sinnvoller sei neben kostenlosem Probeunterricht eine Kündigungsfrist von einem oder maximal drei Monaten. "So muss sich mein Institut wirklich Mühe geben, um mich zu halten."