Medizinstudium Kommt der Doktortitel ohne Doktorarbeit?

Alle jene, die darüber hinaus auch die Wissenschaft voranbringen wollen, sollen wiederum einen anderen Doktorgrad erhalten - einen, der dann auch "international Anerkennung findet", sagt Otto. Vorbild könnten die USA sein: Wer dort das obligatorische Berufsdoktorat erwirbt, führt den "M. D." hinter dem Namen, wer darüber hinaus eine Forschungsarbeit leistet, bekommt den renommierteren "Ph. D.".

Völlig offen ist jedoch, wie diese Logik eines Berufsdoktorats mit der deutschen Wissenschaftstradition vereinbart werden kann. Denn hierzulande gilt der Doktorgrad - ganz gleich, in welchem Fach - als Ausweis einer eigenständigen wissenschaftlichen Leistung. Einen wie auch immer gearteten Doktorgrad lediglich für ein bestandenes Examen zu vergeben oder für eine Arbeit, die das Fach nicht voranbringt, würde wohl an vielen Fakultäten des Landes als Tabubruch gewertet.

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Dabei sind die Medizinstudenten mit ihrer Forderung nach einem Berufsdoktorat nicht allein. Der deutsche Wissenschaftsrat setzte sich schon vor mehr als zehn Jahren für ein solches Modell ein - doch die Vereinigungen der Medizinfakultäten sowie der Hochschulrektoren erteilten der Idee rasch eine Absage.

Weil das Konzept eines Berufsdoktorats für angehende Ärzte in Deutschland derzeit nicht mehrheitsfähig ist, haben sich Medizinstudenten und Wissenschaftsrat etwas anderes überlegt: Anstatt die Doktoranden mit ihrer Arbeit quasi allein im stillen Kämmerlein zu lassen, sollen die Universitäten mehr strukturierte Promotionsprogramme anbieten - also Studiengänge, die in einer vorgegebenen Zahl von Semestern zur klassischen Promotion führen. Wie das Berufsdoktorat, so kommt auch die sogenannte "graduate school" aus dem englischen Sprachraum: Seminare und Mentoring-Programme sollen die Doktoranden beim Schreiben unterstützen.

Mehr Schreibtraining im Studium

Hans-Jochen Heinze, bis vor Kurzem Vorsitzender des Ausschusses Medizin im Wissenschaftsrat, schlägt vor, dass die Studenten schon im Studium zwei wissenschaftliche Arbeiten schreiben sollen und diese dann, nach Abschluss eines zusätzlichen Trainings, zu einer Doktorarbeit ausbauen. Einige Fakultäten haben derlei Anregungen schon aufgenommen. In Tübingen und Dresden gibt es strukturierte Promotionsprogramme, in Magdeburg wird gerade eines eingeführt. "Bis jetzt stößt die Umsetzung bei den Studenten auf viel Zustimmung", meint Heinze. Der "Dr. med.", sagt er, soll aber auch in den strukturierten Promotionsprogrammen nur jenen Absolventen verliehen werden, die mit ihrer Arbeit eine Forschungslücke schließen - in anderen Fächern ist dieser Anspruch ganz selbstverständlich. Nach welchen Kriterien dann die guten von den unzureichenden Schriften unterschieden werden, ist noch offen.

Im Jahr 2015 beendeten 7322 Mediziner ihre Ausbildung mit einem Doktor. Das sind 60 Prozent der Medizinstudenten und 25 Prozent aller Promovierten. Eine Umfrage des BMVD hat ergeben, dass die Promotion vielen Medizinstudenten sehr wichtig ist; sie glauben, dass er von den Patienten erwartet wird.

Andere sehen eher kein Problem darin, wenn der Anteil der Promovierten in Zukunft zugunsten der Qualität der Arbeiten abnehmen würde - die Gefahr, dass gar das Ärzte-Patienten-Verhältnis leiden könnte, wenn immer weniger Mediziner einen Doktorgrad auf dem Praxisschild führen, sieht man beim Wissenschaftsrat nicht. Im Gegenteil, sagt Hans-Jochen Heinze: "Die Zeit, die für eine Promotion gebraucht wird, kann von vielen angehenden Ärzten stattdessen in den Umgang mit Patienten gesteckt werden." Nach Ansicht des Ärztegewerkschafters Rudolf Henke hat die Kompetenz eines Arztes in der Patientenbetreuung nichts damit zu tun, ob der Mediziner promoviert ist oder nicht.

Gut möglich also, dass die deutschen Ärzte in Zukunft immer seltener einen Doktorgrad haben. Ob das die Patienten davon abhält, ihren Arzt im Behandlungszimmer trotzdem noch mit "Herr Doktor" anzusprechen, ist eine andere Frage.

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