Männer im Kindergarten Erzieher sind echte Prototypen

Männer sind in Kindergärten und Grundschulen echte Mangelware - nur etwa jeder fünfzigste Erzieher ist ein Mann. Mit einem Modellprojekt versuchen die Erzieher nun, Jungen für den Beruf zu begeistern.

Von Corinna Nohn

Die Sache mit der Glühbirne wird er nicht vergessen. Als ob Frauen nicht selbst die richtige Birne raussuchen, einen Hocker holen und die kaputte austauschen könnten. "Ich musste schon erst mal klarstellen, dass ich nicht nur der Hausmeisterersatz oder zum Fußballspielen da bin", sagt Tobias Ladewig, gegelte Haare, enges schwarzes Shirt über der Jeans. Sondern dass er im Kindergarten ist, weil es für ihn "eine Berufung ist". Der 20-Jährige arbeitet allein unter Frauen - und Kindern, natürlich. Er wird Erzieher.

Nur jeder Fünfzigste der etwa 1800 Nürnberger Erzieherinnen und Erzieher ist ein Mann, im Bundesschnitt ist die Quote geringfügig höher. Das soll sich ändern, und deshalb sitzt Tobias Ladewig an diesem Tag nicht im Pädagogikseminar, sondern steht im zweiten Stock der Nürnberger Wirtschaftsschule und erzählt, warum Kindertagesstätten auch für Männer eine Berufung sind. Es ist Berufsbasar für Schüler ab der siebten Klasse. Auf den Holztischen hinter Ladewig liegen Gehaltstabellen und Pixi-Heftchen mit dem Titel "Mein Onkel Malte ist Erzieher", an der Wand hängt ein Poster mit der Aufschrift "Mehr Männer in Kitas". So heißt die Initiative des Bundesfamilienministeriums, an der Nürnberg als bayerische Modellstadt teilnimmt.

Schon 1998 fragte das Fachblatt Kita Aktuell: "Wo bleiben sie denn, die Männer in Kindertagesstätten?" Aber immer noch begegnen Jungen und Mädchen selten vor der Grundschule männlichen Bezugspersonen, den Jungs fehlen die Vorbilder. Je jünger die Kinder und je niedriger die Hierarchieebene, desto geringer die Männerquote. Also erzählt Tobias Ladewig von der Kita, wo er Kindergarten- und Grundschulkinder betreut - und ja, er spielt auch Fußball, "darauf fahren auch die Mädchen ab".

Er ist ein eher ruhiger Typ, ganz anders als Peter Grundler, der sich jetzt einer Schülergruppe in den Weg stellt und ruft: "Wer von euch kennt denn einen Erzieher?" Peter Grundler, 52, graue Haare, Ring im Ohr, leitet das Nürnberger Projekt. Eigentlich hat er Kaufmann gelernt, aber nach sieben Jahren auf Erzieher umgesattelt und Sozialpädagogik studiert. Mit fränkischer Sprachfärbung quatscht er die 14- und 15-Jährigen so fröhlich und direkt an, dass die es nicht wagen, weiterzugehen in Richtung Einzelhandel und Banken. Ein Mädchen erzählt tatsächlich von einem Kindergärtner, ein Junge weiß zumindest von jemandem, der einen Erzieher kennt, ein anderer fragt, ob Sozialarbeiter auch zählen?

Kein leichtes Spiel, Jungs für Kitas zu begeistern, Peter Grundler schwärmt trotzdem: von Kreativität, Ausflügen in Gummistiefeln, Jobaussichten. Letztere müssen tatsächlich hervorragend sein - auch in Nürnberg gibt es keine Kita-Betreiber, die nicht um Bewerber buhlen. Bundesweit werden im August 2013 mindestens 20 000 Erzieher fehlen, um alle Kinder zu betreuen, die dann Anspruch auf einen Kita-Platz haben. Männer sollen Abhilfe schaffen, mittelfristig soll jede fünfte Bezugsperson ein Mann sein. Peter Grundler hört die Zahl, nickt und sagt: "Wäre schön, wenn wir unsere Quote verdoppeln." Das wäre jeder Fünfundzwanzigste.

Jetzt läuft auf einem Laptop ein Video von einem Mann, der Gitarre spielt und ein selbstgedichtetes Lied vom Popeln singt, den Kindern zu seinen Füßen stehen die Münder offen. Tobias Ladewig schaut auch zu. "Das ist das Tolle: Du kannst alles von dir einbringen. Klettern, Schminken, Musik - du denkst dir was aus, machst es und weißt sofort, woran du bist. Die Kinder verstecken nichts vor dir." Dieses "Warten auf Feedback", das habe ihn woanders genervt, sagt Tobias Ladewig. Auch er hat andere Jobs ausprobiert, ist ein Quereinsteiger - typisch für den Lebenslauf männlicher Erzieher.

Neben ihm steht Reiner Krüger, Karohemd, kinnlange Locken. Er war Automechaniker, bevor er Erzieher wurde, nun leitet er eine evangelische Kita. Seit 22 Jahren organisiert er ein Väter-Kind-Zelten und sagt: "Männer machen nicht alles besser als Frauen, aber anders. Erst die Vielfalt macht's." Der Satz erinnert an die Debatte um die Frauenquote. Es geht auch bei den Kita-Männern um Ängste, Kompetenzen, Rollenbilder, Klischees. Tobias Ladewig erzählt von Erzieherinnen, die über Wandfarben und Waschmitteldosierung debattierten, bis er zum Team stieß. Von Frauen, die bei Jungs sofort "Stopp!" riefen und Mädchen alles durchgehen ließen. Krüger schwärmt davon, wie er Mini-Pissoirs für die kleinen Jungs einbauen ließ, und von einer Werkbank für vier Kinder: "Als ich in eine andere Kita gewechselt bin, haben die Frauen die als Papierablage benutzt und verstauben lassen."

Es ist nicht jede Erzieherin von der Männerinitiative begeistert, manche fragen: "Machen wir das nicht gut genug? Und wie sollen das die Eltern finden, Männer und kleine Mädchen?" Mütter und Väter, sagt Tobias Ladewig, hätten aber "kein Problem mit mir", im Gegenteil: "Endlich ein Mann!", hätten sie ihn begrüßt. Aber es gebe auch Erzieherinnen, die männliche Praktikanten anwiesen, den Mädchen lieber nicht die Windeln zu wechseln. Krüger sagt: "Das ist paradox! Keiner hat Angst, wenn die Frauen kleinen Jungs vor dem Klo einfach in die Hose greifen. Männer können auch kuscheln und auf Intimsphäre Rücksicht nehmen."

Die nächste Schülergruppe kommt am Holztisch an. "Hm, nur Kulis", flüstert ein Junge, der einen Jutebeutel mit Werbematerial der anderen Ausbilder gefüllt hat. Die Gehaltstabellen, die bei den Männern in Kitas ausliegen, machen es nicht leichter, gegen die Konkurrenz zu bestehen: Die Ausbildung zum Erzieher in Bayern dauert fünf Jahre, dann gibt es 2300 Euro brutto. Erziehung war eben mal ein Halbtagsjob für Frauen, die etwas dazuverdienten, solche Tätigkeiten werden schlecht bezahlt.

Dabei hat sich der Beruf völlig gewandelt: Heute wollen Eltern auch Einjährige ganztags in die Krippe geben; Erzieher sollen mehr leisten, fördern, besser ausgebildet sein - doch das spiegelt die aktuelle Tariferhöhung, kaum mehr als ein Inflationsausgleich, nicht wider. "Alle sagen, dass der Job mehr Anerkennung braucht, keiner will es bezahlen", sagt Peter Grundler. "Es geht um die Frage: Wie viel sind uns Kinder wert?"