Lobrede auf den Lehrer Studenten zweiter Klasse

Viele Schulen gleichen heutzutage pädagogischen Notfallambulanzen. In Zeiten zerfallender Familien, interkultureller Probleme und wachsender Armut müssen sie gleichzeitig kulturelle Integrationsmaschine sein und Lerninhalte vermitteln.

Wenn die Sprache das Haus des Menschen ist, dann leben viele der hier beschulten Jugendlichen in windschiefen Hütten. Wie aber soll man, um im Bild zu bleiben, eine gemeinsame Hausordnung finden, wenn die Kinder nicht mal Wörter wie Verantwortung kennen? Ein Lehrer brachte das pädagogische Dilemma, in dem er steckt, mal so auf den Punkt: "Ich unterrichte hier das Einmaleins und nebenher bin ich Mathematiklehrer."

Die Frankfurter Bildungsforscherin Silke Hertel untersucht seit Jahren, wie sich der Lehrerberuf in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Liest man ihre Texte, so hat man den Eindruck, der Beruf habe sich, egal ob für Grund-, Hauptschul- oder Gymnasiallehrer, verbreitert in eine Art Lebensberatungsmanagement mit angeschlossenem Coachingzentrum: Klar, sie sollen weiterhin Schülern Fachwissen beibringen, das aber zunehmend ganztags, und wenn sie dann bitte noch das an Sekundärtugenden nachholen, was das Elternhaus zu lehren vergaß, weil ja beide arbeiten und einfach keine Zeit da ist.

"Na, sind wir unter uns"

Die Lehrer sehen die Beratung von Schülern wie Eltern mittlerweile selbst als eine ihrer zentralen Aufgaben. Mehr als 95 Prozent der befragten Lehrer sagen aber zugleich, dass sie sich durch ihre Ausbildung nicht ausreichend auf diese vorbereitet fühlen.

In den Universitäten laufen Lehramtsstudenten bis heute oft wie Studenten zweiter Klasse mit. Unvergessen der Berliner Germanistik-Professor, der Mitte der Neunziger, nachdem er per Rückfrage festgestellt hatte, dass sich ausnahmslos Magister-Studenten und kein Lehramtsanwärter in seinem Seminar eingefunden hatten, in höchst aufgeräumtem Ton sagte: "Na, sind wir unter uns."

Warum gibt es nicht längst für alle Lehramtsanwärter eine selbständige, sehr stark praxisbezogene Ausbildung? Die Hälfte der Zeit verbringt man dann mit dem Studium seiner Fächer, in der übrigen Zeit wird man auf das vorbereitet, was einen erwartet, hat also lernpsychologische Stunden, lernt den Umgang mit Eltern, erfährt was über Hirnforschung und darüber, wie man schlechte Schüler motiviert. Unterrichten sollen das aber bitte nicht all diese Pädagogik-Professoren, die selbst seit Jahr und Tag vor keiner Klasse gestanden haben, sondern nur an ihren motivational-volitionalen Didaktikkonzepten herumfriemeln.

Dringlichster Lehrerwunsch: Zeit

Warum gibt es umgekehrt für Lehramtsanwärter nicht bundesweit verpflichtende Eignungspraktika? Oder zumindest Eingangstests, bei denen die Kandidaten auf ihre pädagogische Begabung hin geprüft werden? In Finnland ist all das längst Pflicht. Alle Pädagogen von der Erzieherin bis hin zum Gymnasiallehrer absolvieren ein Vollzeitstudium. Die Anwärter stammen ausnahmslos aus dem besten Viertel aller Studierenden; es gibt strenge Auswahlverfahren, weil der Beruf so begehrt wie angesehen ist. Na, lassen wir das, sonst wird's jetzt zu traurig.

Das Beeindruckendste bei der Recherche für diesen Text war übrigens weder Hatties Studie noch eines der vielen klugen Bücher, sondern ein einzelnes Wort. Auf die Frage, was die Lehrer sich am dringendsten wünschten für einen besseren Unterricht, antworteten alle, egal, ob sie nun am Gymnasium, einer Haupt-, einer Grund- oder einer Realschule tätig waren: Zeit. Zeit für die Klasse. Zeit für den Stoff. Und Zeit für den einzelnen Schüler.

Ihnen allen sei hier nochmals gedankt. Für die Zeit, die sie sich genommen haben für diese Gespräche. Vor allem aber für die Anteilnahme, Begeisterung und, ja, Liebe, mit der sie jeweils von ihrem Beruf und ihren Schülerinnen und Schülern sprachen.

Linktipps: Zu John Hatties Studie hat Martin Spiewak kürzlich einen schönen (und ähnlich begeisterten) Text in der Zeit geschrieben. Es gibt freilich auch Kritik an Hattie (Dank an Verena Brenneisen und Helmut Gattermann).

Wer mehr über den Unterschied zwischen Deutschland und Finnland wissen will, besorge sich die brillante Streitschrift "Niemand wird zurückgelassen - Eine Schule für Alle" von Anne Klein und Rainer Domisch, einem Pädagogen, der jahrelang den Reformprozess in Finnland mitgestaltet hat.

Sehr magenstärkend weil praxisnah: "Schluss mit dem Bildungsgerede - Eine Anstiftung zum pädagogischen Eigensinn" vom Langzeitpädagogen Michael Felten.

Joachim Bauer war nicht der Entdecker der Spiegelneuronen. Dieses Verdienst kommt Giacomo Rizzolatti zu. Bauer war nur der erste Mediziner, der in Deutschland ausführlich darüber schrieb.