Lobrede auf den Lehrer Lehrer sollen nachholen, was Eltern versäumen

Man kann das Geheimnis dieses Erfolgs wahrscheinlich neurologisch erklären. Joachim Bauer, der Entdecker der Spiegelneuronen, schreibt, die Motivationssysteme des menschlichen Gehirns würden in erster Linie durch "Beachtung, Interesse, Zuwendung und Sympathie anderer Menschen aktiviert. Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch." Derjenige, der einem sagt: Ich seh dich.

Die acht schwedischen Lehrer erklärten den fulminanten Erfolg ganz ohne spiegelneuronalen Überbau, sagten aber ansonsten ziemlich dasselbe wie Bauer: Entscheidend für ihren Erfolg seien Respekt, Anspruch, Autorität und Liebe gewesen, Liebe zu ihrem Fach und Liebe zu den Schülern.

Wenn man nun aber mal Hatties Studien und diesem schwedischen Experiment für einen kurzen Moment Glauben schenkt, dann kommt man aus dem Wundern eigentlich nicht mehr raus. Dem Wundern über die Eltern, die Ministerien und die Ausbildung, die Lehrer hierzulande bis heute durchlaufen.

Alle haben mitzuwirken am Projekt Totalentfaltung

Fangen wir mal mit uns selber an, also mit den Eltern. Kinder haben heutzutage das Glück und das Pech zugleich, als perfekt getimte Wunschkinder auf die Welt zu kommen, statt wie früher als Nebenprodukt des Geschlechtsverkehrs einfach irgendwann da zu sein. Dummerweise sitzen die Eltern vor solch einem Kind wie vor dem ultimativen Lebenswunder. Das muss dann aber auch bitte schön den ultimativen Lebensweg hinlegen. Und alle haben gefälligst mitzuwirken an dem Projekt Totalentfaltung.

Schule wird bei dieser Mission gern als niedere Serviceleistung des Staates gesehen. Die Lehrerschaft hat den eigenen Nachwuchs fit zu machen für den globalen Wettbewerb, und zwar dalli. Solche Eltern sehen es oftmals gar nicht mehr ein, das Gespräch mit den Lehrern der eigenen Kinder zu suchen und wenden sich deshalb direkt ans Ministerium oder zumindest an den CEO, pardon, den Direktor der Schule.

Im Münchner Süden, da wo der Speckgürtel der Landeshauptstadt am feistesten ist, steht ein Gymnasium, an dem eine Religionslehrerin kürzlich erlebte, wie ein Vater erst im Sekretariat anrief mit der Bitte, direkt ins Direktorat durchgestellt zu werden, er rede "nicht mit niederen Chargen". Nachdem ihn die Sekretärin beschieden hatte, er müsse doch in die Sprechstunde der betreffenden Lehrerin gehen und er das dann nach adäquatem Protest auch tatsächlich tat, maß er diese Lehrerin mit abschätzigen Blicken und sagte mehrmals den Satz: "Ich wollt einfach mal sehen, wie eine aussieht, die in Religion allen Ernstes einen Fünfer vergibt."

Lehrer als betreuungsintensive Förderschüler

Klingt nach unsympathischem Einzelfall? Im vergangenen Jahr legten 390 Hamburger Eltern Widerspruch bei der Schulbehörde ein, weil sie nicht mit der zugewiesenen Schule für ihr Kind einverstanden waren. Es gibt mittlerweile eigene "Bildungskanzleien", die sich auf Streitigkeiten zwischen Eltern und Schulen spezialisiert haben. Und es erscheinen Bücher wie "Elternrechte in der Schule - So machen Sie sich stark für Ihr Kind", in dem "anhand zahlreicher aktueller Fälle und Gerichtsentscheidungen die Handlungsmöglichkeiten aller Beteiligten" beschrieben werden.

Schaut man sich mal an, was sich Monat für Monat an Direktiven, Erlassen, Konzeptpapieren aus den Kultusministerien in die Lehrerzimmer ergießt, könnte man meinen, Lehrer seien selbst betreuungsintensive Förderschüler. Hier pars pro toto ein paar Empfehlungen aus einem nordrhein-westfälischen Schulamtsblatt: Wichtig ist demzufolge die "Schaffung einer positiven Lernkultur", wobei man als Pädagoge die "ressourcenorientierte Beratung auf systemisch-lösungsorientierter Basis" und das "bedarfsorientierte Training nach dem Mini-Max-Prinzip" genauso wenig aus dem Blick verlieren soll wie die "Vermittlung lernstilorientierter Strategien", wobei da wiederum insbesondere "metakognitive Kontrollstrategien" sowie "motivational-volitionale Stützstrategien" von Bedeutung zu sein scheinen.

So geht es dahin, in gröbstem Sperrholzdeutsch und garstigen Nominalkonstruktionen, und wenn man sich durch diesen pädagogik-dada . . . , pardon pädagaga-didaktischen Text gequält hat, fühlt man sich, als hätte man eine Tüte Mehl gegessen. Hallo, all ihr Kultusbürokraten, die ihr selbst oftmals ja beeindruckend wenig pädagogische Praxiserfahrung habt: Wollt ihr die Lehrer nicht einfach mal in Ruhe ihre Arbeit machen lassen und euch lieber darum kümmern, dass sie eine bessere Vorbereitung auf den Job bekommen?