Lehrpläne im verkürzten Gymnasium Nationalsozialismus light

Zu viel Stoff, zu wenig Freizeit, Ende der Kindheit, so lauteten die Sorgen bei Einführung des G 8. Nun hat der bayerische Kultusminister die Lehrpläne zusammengestrichen - mit grotesken Folgen für den Geschichtsunterricht.

Von Johan Schloemann

In Bayern gibt es bald Zeugnisse, in anderen Bundesländern sind schon Schulferien. Zeit, die Schule für ein paar Wochen zu vergessen, aber auch Zeit, den Blick auf die Zukunft des Gymnasiums zu richten. Wir erinnern uns: Im Frühjahr gab es Proteststürme gegen das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium, das "G8". Zu viel Stoff, zu wenig Freizeit, überlastete Schüler, Tod der Kindheit, so lauteten die Sorgen.

G8 und G9 Lehrpläne im verkürzten Gymnasium

Schüler am Holocaust-Mahnmal in Berlin: Der G 8-Streichliste ist der Stoff über Nationalsozialismus zum Opfer gefallen.

(Foto: Foto: ap)

Anstatt den Ausbau von Ganztagsschulen anzumahnen, in denen sich Arbeit und Pausen, Ernst und Spiel viel besser rhythmisieren lassen - denn dieser Ausbau droht nach der bitter notwendigen Initiative der rot-grünen Bundesregierung wieder zu erlahmen -, wollten die wortführenden Gymnasialeltern ihre Kleinen lieber wieder mittags zu Hause haben. Sie forderten den möglichst anstrengungslosen Weg in die gesellschaftliche Elite.

Mit dem "Rotstift" an die Lehrpläne

Verunsichert durch die Erfahrung, dass die Mobilisierungskraft dieses Themas im hessischen Landtagswahlkampf unterschätzt worden war, sprachen sich konservative wie linke Kultusminister im März für eine Reduzierung des Lernpensums aus. Hatten sie doch in der Tat das G8 zum Teil überhastet eingeführt und so vielfach für Übergangsschwierigkeiten in der Verteilung der Lerninhalte und Hausaufgaben gesorgt.

"Entrümpelung" war, unter dem Druck der Elternverbände, das Wort der Stunde. Also versprach im April auch der wahlkampfnervöse bayerische Schulminister Siegfried Schneider, ein für ein bildungsstolzes Bundesland übrigens erschütternd geistloser Mann, mit dem "Rotstift" an die Lehrpläne zu gehen.

Noch keine öffentliche Diskussion

In den Ministerien machte man sich an die Arbeit und strich an Inhalten, was fakultativ erschien. Einige der Streichergebnisse liegen heute vor, und die Aufmerksamkeit der Lehrer, Schüler und Elternvertreter richtet sich, so sie nicht die Dinge ohnehin eher auf sich zukommen lassen, auf diese Reduzierungen des Stoffes, die besonders die unteren und mittleren Klassen betreffen.

Wohl deshalb, wegen der Entrümpelungshysterie, hat es aber bisher noch keine öffentliche Diskussion darüber gegeben, dass auch die Lehrpläne für die Oberstufe des verkürzten Gymnasiums neu geschrieben wurden - und dass dabei in Bayern etwas Bemerkenswertes passiert ist: Der Unterricht über den Nationalsozialismus wurde radikal verkürzt.

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Nichts zum Zweiten Weltkrieg

Zum übernächsten Schuljahr - in einigen Bundesländern später oder früher - wird der erste G8-Jahrgang in die elfte Klasse kommen, also in die neue Oberstufe, in der es keine Leistungskurse mehr gibt. Zwei Stunden Geschichte pro Woche werden obligatorisch sein (dafür musste im scheinbar wertekonservativen Technokratenland Bayern übrigens erst eigens gekämpft werden).

Dem seit kurzem amtlichen, neuen bayerischen Lehrplan für Geschichte in der Oberstufe nun sind auf spektakuläre Weise die Proportionen durcheinandergeraten: In den zwei Jahren bis zum Abitur sind insgesamt nur noch sieben Schulstunden à 45 Minuten für die Weimarer Republik und ebenfalls sieben für den Nationalsozialismus vorgesehen.

Untergangsjahre der Republik

Diese lächerlich wenigen sieben NS-Stunden sollen nur Holocaust, Antisemitismus und Propaganda behandeln - nichts zu Hitlers Außenpolitik, nichts zum Zweiten Weltkrieg, nichts zur konkreten Organisation des Führerstaates und seiner Ereignisgeschichte. Die sieben Weimar-Stunden sollen, so die behördliche Vorschrift, nur die Untergangsjahre der Republik zum Thema haben - also nichts zum Ersten Weltkrieg, nichts zur Novemberrevolution, nichts zur Innen- und Außenpolitik der zwanziger Jahre.

Das Leben ist eben kurz und die Zeit knapp, mag man denken, aber jetzt kommt die Überraschung: Zehn Stunden werden dem Thema Nahostkonflikt geschenkt! Das soll bei den Schülern die Erkenntnis fördern, so der Lehrplan, "dass sich herrschaftliche, wirtschaftliche, religiöse, nationalistische, machtpolitische und ideologische Konflikte ... zu einem immer komplexer werdenden Problembündel verdichtet haben, das nur unter Berücksichtigung der historischen Wurzeln verstanden werden kann". Ob nicht die deutsche Geschichte von 1914 bis 1945 in dieser Hinsicht auch ein recht wissenswertes Problembündel zu bieten hätte?

Groteskes Verhältnis

Noch großzügigere 14 Stunden werden dem "Leben in der entstehenden Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts" zugeteilt: inklusive "Trinkwasserversorgung und Kanalisation", "Raiffeisenbewegung" und "Geburts- und Sterberaten". Gewiss alles interessant - doch das Verhältnis zu den sieben Stunden NS-Zeit kann nur als grotesk bezeichnet werden. In den Lehrplänen des auslaufenden 9-jährigen Gymnasiums waren noch weit mehr Stunden für Weltkriege, Weimar und NS vorgeschrieben.

Was ist da geschehen? Man möchte hoffen, dass dahinter erst einmal kein Schlussstrich-Revisionismus steht, sondern schlicht mangelnder Realismus. Die bayerischen Lehrplanmacher argumentieren nämlich damit, dass die fehlenden Themen schon in der entrümpelten Mittelstufe - der Nationalsozialismus am Anfang der neunten Klasse - unterrichtet würden. Die Oberstufe solle bloß noch der Vertiefung dienen, dem "mehrperspektivischen, methodenorientierten Arbeiten".

Aber das ist absolut praxisfern. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Schüler das Meiste zwei Jahre später wieder vergessen haben, und dass viele Aspekte der NS-Diktatur 15-jährigen Schülern auch noch nicht zufriedenstellend vermittelt werden können. Der erste Satz des neuen Lehrplans lautet geradezu rührend hoffnungsvoll: "Im Geschichtsunterricht der Jahrgangsstufen 6 bis 10 haben sich die Schülerinnen und Schüler einen chronologischen Überblick zur Weltgeschichte von der Steinzeit bis zur Gegenwart erarbeitet." Jeder Geschichtslehrer, auch der beste und erfolgreichste, wird am Anfang der Oberstufe dazu nur sagen: Schön wär's!

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Kein Kaiser Barbarossa

Auch wenn die offenkundige Fehlplanung der Bayern nicht auf sinistre Absichten zurückzuführen wäre, könnte sie im Ergebnis doch ein Indikator eines allgemeinen Wandels sein. Zwar befriedigt die neue Gewichtung auch nicht die Forderungen derjenigen, die finden, die Gesamtheit und Tiefe der deutschen Geschichte dürfe nicht einer Reduktion auf den Nationalsozialismus geopfert werden - denn über Kaiser Barbarossa oder General Blücher lernt man nach dem neuen Lehrplan in der bayerischen Oberstufe auch rein gar nichts.

Ein Signal, dass man es nicht mehr so genau wissen will, könnte von solchen Schwerpunktsetzungen gleichwohl ausgehen. Man erinnere sich: Als eine neue Lehrergeneration in den siebziger Jahren zusammen mit der reformierten Oberstufe in die Schulen der Bundesrepublik kam, begann sie ein umfassendes Erziehungsprogramm über die deutsche Schuld am Judenmord und am Vernichtungskrieg - in der Mittelstufe durch Erzeugung von Betroffenheit mit KZ-Filmen und Anne Frank, in der Oberstufe durch eingehende Analysen.

Ein ganzes Halbjahr Weimar

Vielerorts nahm man, ob im Grund- oder Leistungskurs, ein ganzes Halbjahr Weimar und ein ganzes Halbjahr NS durch. So dass damals nicht wenige fanden, das sei nun wirklich übertrieben - weil sie die Abnutzung der moralischen Botschaft durch Überdruss befürchteten, weil sie die Geschichte verkürzt sahen oder weil sie Walsersche Paulskirchengefühle hegten.

Und als vor zwei Jahren Charlotte Knobloch, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden, die Einrichtung eines eigenen Holocaust-Schulfachs forderte und das dann zu der Klage abmilderte, der NS komme in der Schule viel zu kurz, da war die recht einhellige Reaktion: Das könne man doch wirklich nicht sagen, das mache man doch alles rauf und runter.

Jetzt aber könnte der bayerische Geschichtslehrplan tatsächlich eine neue, entgegengesetzte Richtung vorgeben - die Pläne der anderen Bundesländer legen sich in der Regel nicht so stundengenau fest, aber auch dort wird die Entwicklung zu beobachten sein: Wollen wir im Zuge der Stoff-Entrümpelung die Unterrichtung über Krieg und Nationalsozialismus nur noch Guido Knopp und der ritualisierten Erinnerungskultur überlassen?