Lehrer-Blog In der Schule rechnen wir nicht mit dem Tod

Wie erklärt man Jugendlichen den Tod?, fragt sich Lehrerin Catrin Kurtz.

(Foto: Illustration: Katharina Bitzl)

Lehrerin Catrin Kurtz erfährt: Eine ihrer Schülerinnen ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie ist schockiert, traurig - und hilflos: Wie soll sie das der Klasse sagen?

"Frau Kurtz, haben Sie schon mal vor der Klasse geweint?" Ehrliches Interesse bei Fünftklässler Emil - sein großer Bruder, ein schulbekannter Störenfried, hat gestern eine Referendarin den Tränen nicht nur nahe gebracht. "Ja", sage ich. Große Augen bei Emil. "Aber mein Bruder hat gesagt, bevor Sie heulend das Zimmer verlassen, rennen die Schüler flennend aus der Klasse." Das stimmt, wenn es Schüler zu weit treiben, sage ich schon mal: "Mach nur so weiter, bis einer heult - aber das werde nicht ich sein!"

Trotzdem habe auch ich schon mal vor einer Klasse geweint, das war ganz zu Beginn meiner Schullaufbahn. Die Geschichte bewegt mich bis heute. Ich unterrichtete damals eine neunte Klasse und eine meiner Schülerinnen kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Ich weiß noch, dass es an einem Tag im September passiert ist. Ich habe mich abends bei Facebook eingeloggt und las in meiner Timeline: "Oh Gott, Natalie ist tot!!!". Mitschüler verbreiteten die Nachricht, fassunglos, traurig, redebedürftig. Mich hat ihr Tod ebenfalls tief getroffen - aber als Lehrerin musste ich auch überlegen: Wie sage ich es am nächsten Tag der übrigen Klasse?

Kloß im Hals

Ich lag die halbe Nacht wach und habe mir Gedanken gemacht. Aber als ich die Todesnachricht überbringen musste, war ich immer noch ratlos. Da steht man dann vor 25 Jugendlichen, mit einem Kloß im Hals, und weiß auch als Religionslehrerin nicht weiter. Viele hatten schon gehört, was passiert war, und weinten still vor sich hin, andere traf es wie ein Schlag.

Es gibt keine Worte, die einem solchen Moment den Schrecken nehmen, die erklären, helfen oder irgendetwas besser machen. Diese Hilflosigkeit, das Entsetzen und der Schock, die Trauer, das Mitleid mit Familie und Freunden, aber auch die Wut, wie so etwas passieren kann - das alles hat uns, die Schüler und mich, übermannt und wir haben zusammen geweint. Wir haben uns an Natalie erinnert, Briefe an ihre Eltern geschrieben und Vergissmeinnicht gepflanzt, unser Ritual zum Abschied. Gemeinsam haben wir dann auch die Beerdigung besucht.

Noch anderthalb Jahre nach Natalies Tod war sie uns immer wieder gegenwärtig und auch dann gab es manchmal Tränen. Natalie war beliebt, in der Klasse ganz selbstverständlich anwesend - auffällig und schmerzhaft war ihr Fehlen.

Trauerarbeit zu leisten, sensibel mit den Kindern umzugehen, fordert sehr viel Fingerspitzengefühl und ist eine der Herausforderungen dieses Jobs, auf die einen niemand während des Studiums vorbereitet. Wahrscheinlich auch, weil die Schule ein Ort der Jugend und des Lebens ist, wo man nicht mit dem Tod rechnet. Solche Ereignisse platzen in den Lehreralltag und fordern erst mal die ganze Aufmerksamkeit ein. Sei es, dass eine Schülerin ums Leben kommt, ein Elternteil eines Schülers stirbt oder ein Jugendlicher Suizid begeht.

Besser trauern

Beim Tod von Angehörigen trauern die Eltern und müssen zugleich ihren Kindern durch diese schwere Zeit helfen. Pädagogin Trudi Kühn erklärt, warum Eltern vor ihren Kindern Gefühle zeigen sollten - und warum sie auch den Tod eines geliebten Haustieres nicht als unwichtig abtun dürfen. Von Katja Schnitzler mehr ...

Spagat zwischen Trauer und Schulalltag

Trotzdem tritt für alle nicht unmittelbar Betroffenen recht schnell wieder Normalität ein. Für mich als Lehrerin hat das damals bedeutet: Den Spagat schaffen zwischen Trauer, Begleitung der Schüler, ja auch der Eltern, und dem Schulalltag. Das kostet Kraft und Mut. Natalies Eltern sind Wochen nach ihrem Tod noch mal zu mir in die Sprechstunde gekommen und haben sich bedankt: Ihre Tochter sei immer gerne zu mir gekommen. Ein sehr bewegender Moment.

Ich bin im Nachhinein auch froh, dass ich an jenem Tag meinen Gefühlen freien Lauf gelassen habe. Meine Tränen haben ausgedrückt, was Worte nicht vermochten. Die Klasse und ich sind dadurch noch enger zusammengewachsen. Meine Schüler haben gemerkt, dass ich auch nur ein Mensch bin, der an seine Grenzen stößt und eben nicht immer eine Antwort weiß.

Ich hoffe, dass ich nicht mehr oft in solche Situationen kommen werde. Aber der Tod gehört nun mal zum Leben. Auch in der Schule.