Lehrer-Blog Akte Problemschüler

Mobbing, körperliche Gewalt, Sachbeschädigung: Mancher Schüler von Catrin Kurtz kommt schon mit einer zentimeterdicken Akte von der Grundschule. Wie sie mit verhaltensauffälligen Schülern umgeht - und warum sie manchmal an der Gesellschaft zweifelt.

"Deine Klasse schon wieder ...!", so begrüßen mich meine Kollegen gerade fast jeden Morgen, jede Pause und auch sonst, wenn sie mir über den Weg laufen. Meine Klasse, das sind 25 Jungen und kein Mädchen. 25 Jungen, unter denen einige sind, die schon aus der Grundschule mit einer zentimeterdicken Schülerakte kamen, und die auch jetzt noch einen bleibenden Eindruck bei jedem Lehrer hinterlassen, der irgendwie mit ihnen zu tun hat.

In den Akten sind nicht nur sämtliche Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen dokumentiert - wegen gewalttätiger Auseinandersetzungen, Mobbing, Sachbeschädigung und vielem mehr. Die teilweise beiliegenden Gutachten von diversen Schul- und sonstigen Psychologen sowie dem Jugendamt lassen einen als Lehrer schon mal an dieser Gesellschaft zweifeln.

Dass ein Kind, das innerhalb von zwei Jahren in der dritten Pflegefamilie lebt, verhaltensauffällig ist, erscheint fast zwangsläufig. Wenn man dazu noch die aktuelle Pflegemutter persönlich kennenlernen darf, die nichts Liebevolles an sich hat und von ihrem Pflegekind spricht wie von einem Hund, dann wundert mich nichts mehr.

Pädagogische Gratwanderung

Mit diesen Hintergrundinfos im Kopf begibt man sich dann auf eine pädagogische Gratwanderung: Es gilt zum einen Grenzen zu setzen. Denn natürlich ist es bei allem Verständnis für die problematischen Lebensumstände eines Schülers nicht in Ordnung, wenn dieser regelmäßig seine Mitschüler verprügelt, nur weil sie ihn doof anschauen. Zum anderen will man dem Schüler vermitteln, dass man ihn trotzdem mag und nur das Beste für ihn will.

Daneben müssen Kollegen beruhigt, erzieherisch sinnvolle Maßnahmen getroffen, ältere Schüler als Lerntutoren eingespannt werden. Man führt Gespräche mit dem Kind, mit den Pflegeeltern, mit der Schulleitung, zieht die Schulpsychologin hinzu.

Solche Problemfälle lassen einen auch nach Schulschluss nicht los; man überlegt noch zu Hause, wie man diesem Kind wohl eine glückliche Zukunft bieten kann. Und kaum wähnt man sich auf einem guten Weg, wird das Kind von der Schule abgemeldet, ohne dass noch einmal ein Gespräch mit mir als Klassenleitung stattgefunden hätte. Da bleibt ein fader Beigeschmack: War der Grund etwa, dass sich hier jemand interessiert und gekümmert hat?

Auch wenn es mir um das Kind persönlich leidtut - ich habe noch 24 weitere Schüler in der Klasse, die meine Aufmerksamkeit beanspruchen. Als Lehrerin erlebe ich die ganze Bandbreite familiärer Probleme und elterlichen Versagens. Das fängt damit an, dass Kinder ohne Pausenbrot oder Geld fürs Mittagessen in die Schule geschickt werden. Und geht so weit, dass ich live dabei bin, wenn geschiedene oder getrennt lebende Eltern ihre Differenzen auf Kosten und über den Kopf ihres Kindes hinweg austragen.

Kein Geld für die Schullektüre

Ich muss Schüler trösten, die schamerfüllt und mit Tränen in den Augen zu mir kommen, weil ihre Eltern das Geld für die Lektüre, den Wandertag oder das Schullandheim nicht aufbringen können. Und ich fühle mich hilflos, wenn Schüler furchtbar weinen, weil sie eine schlechte Note bekommen haben, und ich nur erahnen kann, was ihnen zu Hause dafür blüht.

Ja, bei manchen Schülern weiß ich schon, warum sie sind, wie sie sind. Und hätte gute Lust, den Eltern ungeschminkt die Meinung zu sagen - aber damit würde ich meine Kompetenzen überschreiten. Also versuche ich, die Folgen von nachlässiger und vernachlässigter Erziehung in der Schule aufzufangen, versuche als Lehrerin mein Bestes für die Kinder.

Und wenn es dann mal wieder von verständnislosen Kollegen heißt "Deine Klasse schon wieder!", erkläre ich ihnen gerne, um wie viel schlimmer es noch vergangenes Schuljahr war und wie sehr sich "meine" Klasse gemacht hat.

In der kommenden Woche sind in Bayern Herbstferien - die nächste Folge des Lehrer-Blogs gibt es deshalb am 7. November.