Lehramtsstudium Aussuchen statt ausbrennen

Bis zu 40 Prozent der Lehramtsstudenten sind ungeeignet für den Beruf, schätzt der Experte.

(Foto: dpa)
  • Für das Lehramtsstudium gibt es in Deutschland kaum Eignungstests - quasi jeder, der auf Lehramt studieren will, kann das tun.
  • Experten halten die Praxis für gefährlich, da viele Studenten gar nicht für den Lehrberuf geeignet seien. Viele endeten aus diesem Grund im Burn-out.
  • Österreich hat bereits ein Gesetz erlassen, das selektive Eingangstests für alle Lehramtsstudenten vorschreibt. In Deutschland ist nur zaghaftes Umdenken zu erkennen.
Von Alex Rühle

Das ganze Elend lässt sich in zwei Prozentzahlen zusammenfassen: Finnland 10. Deutschland 100.

In Finnland muss man sich, wenn man Lehrer werden will, um einen Studienplatz bewerben und einen Eignungstest durchlaufen. Nur jeder zehnte wird am Ende zum Studium zugelassen und darf Lehrer werden. In Deutschland kann im Grunde jeder Lehramt studieren, der will, man muss ja froh sein, wenn man genug Leute findet, die den Job noch machen wollen, so schlecht, wie er angesehen ist. Es gibt hierzulande keinerlei Eignungstest. "In Deutschland", sagt Norbert Seibert, "werden erst mal hundert von hundert genommen."

Seibert ist Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik in Passau. Er plädiert seit Jahren dafür, angehende Lehramtsstudenten auf ihre pädagogischen Fähigkeiten hin zu testen. Er hat deshalb das Projekt "PArcours" entwickelt, einen achtstündigen eignungsdiagnostischen Test.

Faule Säcke im Schlabberpulli

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Dieser freiwillige Parcours funktioniert wie ein Assessment-Center: Die Probanden müssen sich selbst vorstellen, nehmen an einer Gruppendiskussion teil, an Rollenspielen und Empathieübungen. Ein Expertengremium aus Lehrern, Rektoren, Schulräten und Lehrstuhlmitarbeitern achtet auf die Körperhaltung, die Sprachkompetenz und das Einfühlungsvermögen. "Am Ende muss ich circa fünfzehn Prozent der Teilnehmer sagen, dass sie besser einen anderen Studiengang wählen sollten." Insgesamt, so schätzt Seibert, sind bis zu vierzig Prozent der Lehramtsstudenten eigentlich ungeeignet für den Beruf.

Das bayerische Kultusministerium ist gegen einen solchen Test, schließlich, so die Argumentation, würden die jungen Menschen sich im Lauf des Studiums weiterentwickeln, da dürfe man 18-Jährigen nicht voreilig den Weg verbauen. Seibert kann darüber nur lachen. "Klar kann man sich entwickeln. Fragt sich, was das Kultusministerium als wichtig erachtet für die Weiterentwicklung. Die pädagogische Schulung kann's kaum sein." Seibert spielt darauf an, dass ein bayerischer Lehramtsstudent im ganzen Studium nur zwei bis drei Pädagogikveranstaltungen besuchen muss. "Besuchen muss er sie gar nicht", so Seibert. "Einschreiben reicht, es gibt bei diesen Veranstaltungen nicht einmal Anwesenheitspflicht." Bei einem angehenden Gymnasiallehrer macht der Bereich "Schulpädagogik" 1,58 Prozent seiner Gesamtnote aus. "Wenn er also in Pädagogik eine fünf schreibt, hat er trotzdem bestanden."

Brauchen wir Eignungstests für Lehrer?

In Deutschland kann im Grunde jeder Lehramt studieren - auch wenn der Beruf nicht für jeden die richtige Wahl ist. Durch Tests ließen sich, laut Experten, Befähigungen von angehenden Lehrern bewerten und so mögliche Burn-Outs vermeiden. Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Ein Lehrer mit Burn-out kostet den Freistaat Bayern 375 000 Euro

"Außerdem", so seine Kollegin Doris Cihlars, die mit Seibert zusammen den Test organisiert, "außerdem sind gerade die pädagogischen Kernkompetenzen, also emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit, Offenheit und Empathie mit 20 Jahren bereits so gut ausgebildet, dass ich prognostizieren kann, ob dieser Mensch später allein vor einer Klasse Probleme bekommen wird."

Nobert Seibert kam durch Zufall zu seinem Thema. 2004 ließ das Münchner Kultusministerium untersuchen, wie viele Lehrer frühpensioniert werden. Antwort des Amtsarztes: 94 Prozent. Seibert wollte seinen Augen nicht trauen. Nur sechs von hundert Lehrern arbeiteten damals bis zur Pensionierung? Was läuft da falsch?

In finanzieller Hinsicht sehr viel: Ein Lehrer mit Burn-out kostet den Freistaat durchschnittlich 375 000 Euro. Alle erkrankten Lehrer schlagen in Bayern mit 250 Millionen im Jahr zu Buche.