Kritik an erster staatlicher Waldorfschule Wie viel Waldorf steckt in der neuen Schule?

Wie kürzlich eine Studie aus Berlin zeigte, schicken bildungsbewusste Eltern ihre Kinder ungern auf staatliche Schulen im eigenen Viertel, wenn sie dort ein schlechtes Lernumfeld erwarten. Das ist vor allem dann der Fall, wenn der Ausländeranteil hoch ist. In Wilhelmsburg hat fast ein Drittel der Einwohner keinen deutschen Pass, etwa drei Viertel der Minderjährigen haben einen Migrationshintergrund. Waldorfschulen sind im Bildungsbürgertum dagegen oft durchaus beliebt.

"Man hat uns deshalb relativ deutlich gesagt, dass unsere Schule in Wilhelmsburg unerwünscht ist", sagt Christine Leiste, Leiterin der Initiative Interkulturelle Waldorfschule, die ursprünglich eine normale Waldorfschule aufbauen wollte. Einen Waldorfkindergarten gibt es schon, er sollte um eine Schule erweitert werden. Dann erreichte sie das überraschende Angebot der Stadt, mit der Grundschule Fährstraße in Wilhelmsburg zusammenzuarbeiten, die der Schulbehörde zufolge auch wegen ihres "niedrigen Sozialindex" ausgewählt wurde. Die Initiative willigte ein, auch das Kollegium der Fährstraße stimmte mehrheitlich für den Schulversuch.

Wie genau die Klassen zwischen Lehrern mit und ohne Waldorfausbildung aufgeteilt und welche Elemente der Waldorfpädagogik übernommen werden sollen, ist momentan unklar. Mindestens bis Ende März laufen die Verhandlungen noch. Über Details schweigen die Beteiligten. Klar ist aber: Die Vorstellungen gehen auseinander.

An der Anthroposophie scheiden sich die Geister

Geht es nach der Schulbehörde, wird das Ergebnis keine echte Waldorfschule sein. Offiziell heißt es jedenfalls, man wolle nur die "allgemein akzeptierten Elemente" der Waldorfpädagogik übernehmen, etwa viel Musik und Kunst, keine Noten oder Fremdsprachen schon in unteren Klassenstufen. Ähnlich sieht es auch Christine Leiste, die sich pragmatisch gibt: "Alles, was nichts mit konkreter Pädagogik zu tun hat, muss man nicht unbedingt haben", sagt sie - etwa Anthroposophie.

Das sieht der Bund der Freien Waldorfschulen anders. Er entscheidet, ob eine Schule den Namen "Waldorf" tragen darf, und war an den Gesprächen mit der Stadt beteiligt. Wer an einer Waldorfschule unterrichte, müsse sehr wohl über Anthroposophie Bescheid wissen, findet Henning Kullak-Ublick, Sprecher des Waldorfbundes. Man gehe zudem davon aus, dass in Hamburg eine echte Waldorfschule entstehe - nur eben voll vom Staat finanziert.

Aktivist Sebastiani sieht sich dadurch bestätigt. Er hält es für unmöglich, die Waldorfpädagogik von ihren anthroposophischen Grundlagen zu trennen, wie es der Stadt offenbar vorschwebt. Und er warnt, eine staatliche Waldorfschule könne wissenschaftlich zweifelhafte Inhalte an Schulen salonfähig machen. Auch wenn er das Anliegen der Stadt für nachvollziehbar hält, bleibt er dabei: "Mit Esoterik löst man keine sozialen Probleme."