Kampf für Inklusion Henri braucht keine Extrawürste

Wie ist Ihre Einstellung zu Noten?

Die sehe ich eher kritisch, aber wenn es die schon gibt, dann soll auch Henri welche bekommen. Für das, was er auf seinem Anforderungsprofil geleistet hat. Er braucht da keine Extrawürste. Er muss sich anstrengen und ausloten, was er kann und was nicht, sonst könnte er auch nicht in einer sozialen Gesellschaft leben. Ein Beispiel: Henri bekommt ein Wortdiktat, kein normales. Und wenn er alle Wörter richtig schreibt, dann bekommt er eine eins. Die anderen Kinder verstehen das übrigens wunderbar und beklatschen eine gute Note von ihm. Obwohl sie wissen, dass es ein anderes Diktat war als ihres. Wenn man den Kindern dieses System gut erklärt, dann gibt es auch keine Eifersucht oder Neid.

Auf wen können Sie sich verlassen? Auf Politiker?

Die haben sich eher zurückgehalten. Verbündete sind alle die, die begriffen haben, worum es uns geht: Um eine andere Gesellschaft.

Aber die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg hätte sich das doch auf die Fahnen schreiben müssen.

Das haben wir auch gedacht, aber dem war nicht so. Die Entscheidung im vergangenen Jahr, den Schulversuch nicht an dem Gymnasium Walldorf mit den drei behinderten Kindern durchzuziehen, war keine inhaltliche, sondern eine politische Entscheidung. Sein Mut würde sich wohl nicht in Wählerstimmen niederschlagen, hat SPD-Kultusminister Andreas Stoch offenbar knallhart kalkuliert. In Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein ist man da viel weiter. Da gibt es geistig behinderte Kinder auch an Gymnasien, die zieldifferent unterrichtet werden. Das Engagement für Inklusion ist aber nicht parteipolitisch und darf es auch nicht sein. Auch in konservativen Parteien haben Menschen das Prinzip verstanden. Das finde ich gut.

Wie sieht für Sie die ideale Schule aus?

Ich bin Mutter, nicht Pädagogin. Aber die ideale Schule ist für mich die, die jeden respektiert, so wie er ist. Und die jeden Menschen nach seinen Möglichkeiten fördert. Die würde auch viel besser auf das Arbeitsleben vorbereiten. Zu den Kernkompetenzen eines Chefs gehören doch auch, unterschiedliche Begabungen zu erkennen und in einem Team zu fördern.

Frau Ehrhardt, Ihr Kind darf ab kommendem Schuljahr die Realschule in Walldorf besuchen. Happy End eines langen Kampfes für die Inklusion ?

Manchmal bestraft das Leben den, der zu spät kommt, und manchmal auch den, der zu früh kommt. Das neue Schulgesetz, das die Inklusion festschreibt, kommt erst im August dieses Jahres. Für Henri hat es eine gute Lösung gegeben, die uns und ihn sehr freut. Doch das gilt noch lange nicht für unsere Gesellschaft insgesamt.

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Kirsten Ehrhardt, 52, hat ein im besten Sinne aufklärerisches Buch über ihre Erfahrungen mit ihrem jetzt zwölf Jahre alten Sohn geschrieben, das gerade veröffentlicht wurde: "Henri. Ein kleiner Junge verändert die Welt." Heyne, 8,99 Euro.