Kampf für Inklusion "Monokulturen sind etwas Schreckliches"

Auf was ist er besonders stolz?

Wenn er etwas zeigen kann, was er hergestellt, geschrieben oder gelesen hat. Oder wenn andere klatschen, wenn andere ihn ernst nehmen, oder er von einem Mitschüler gefragt wird, ob er mit ins Schwimmbad gehen möchte. Das fragt der ja nicht aus Mitleid, sondern weil er gemeinsam mit Henri Spaß haben möchte. Oder wenn wir ihn loben. Ich habe mit dem Loben auch viel für meine große Tochter gelernt. Das heißt jedoch nicht, dass man Kindern dauernd sagen muss, dass sie großartig sind. Nur, dieses ewige Kritisieren und Kleinmachen, das führt doch zu nichts.

Was können uns behinderte Kinder lehren?

Sie können uns Vielfalt lehren, dass jeder anders ist. Dass jeder zum Zusammenleben beitragen kann. Dass das nichts Defizitäres ist. Monokulturen sind etwas Schreckliches, nicht nur beim Mais, sondern auch beim Menschen.

"Henri kann sich die Schuhe zubinden, einkaufen und allein aufs Klo gehen. Wozu braucht er Lesen, Schreiben, Rechnen?", fragen manche Ihrer Kritiker.

Das ist eine Anmaßung. Warum sollte er denn nicht lesen, schreiben und rechnen lernen? Weil er später in einer Behindertenwerkstatt verschwindet und dann ins Wohnheim, wo wir ihn nicht mehr sehen? Warum lassen wir ihn nicht das lernen, was er lernen kann? In seinem Tempo und im Rahmen seiner Möglichkeiten. Lernen im Gleichschritt ist doch ein Anachronismus.

Bekommen Sie auch Kritik von Eltern, die ihre Kinder auf Sonderschulen und später in eben diesen Werkstätten haben und ihre Kinder als glücklich bezeichnen?

Ja, natürlich gibt es Menschen, die den Schonraum pflegen. Aber auch andere, die sagen: Unser Kind hatte nie andere Möglichkeiten. Es gibt ein weitverbreitetes Vorurteilsbild über Menschen mit Behinderungen, es ist das Bild des lebenslang unselbständigen Fürsorgeempfängers. Wir trauen ihnen einfach nichts zu. Es ist ein Teufelskreislauf aus geringen Erwartungen und geringen Ergebnissen.

Bis zu welchem Grad der Behinderung ist Inklusion in der Schule möglich? Sehen Sie Grenzen?

Nein, andere Länder wie Italien, Kanada, Finnland zeigen, dass selbst eine Beschulung im Krankenbett im Klassenzimmer funktioniert. Es kann ja auch mal Pflegepersonal mit dabei sein. Warum denn nicht? Alle Untersuchungen und Studien zeigen, dass Kinder mit Behinderungen die anderen Kinder in ihrem Lernerfolg nicht behindern. Und dass inklusive Klassen überwiegend starke sind, weil sich dort das Lernen und der Umgang miteinander verändert hat.

Halten Sie Sonderschulen und Behindertenwerkstätten grundsätzlich für falsch?

Falsch ist nicht das richtige Wort. Sie sind nicht mehr zeitgemäß, zumindest was die internationale Gemeinschaft darunter versteht: Wir wollen zusammenleben und nicht separieren, auch wenn das Motiv Schutz war. Wir müssen das in Deutschland erst neu denken, weil auch die Entscheidungsträger alle mit der Ausgrenzung aufgewachsen sind. In Italien, wo die Inklusion viel weiter fortgeschritten ist, da ist mittlerweile eine zweite Generation von Lehrern und Eltern aktiv, für die ein inklusives System völlig normal ist und das gar nicht mehr in Frage stellen, weil sie einfach nichts anderes erlebt haben. Richard von Weizsäcker hat mal Folgendes gesagt: Was gar nicht erst getrennt wird, muss später nicht mühsam integriert werden.