Jörg Dräger über digitales Lernen "Das ist die wahre Revolution"

Schüler am Computer, das ist schon ein vertrautes Bild. Moderne Lernsoftware soll nun sogar Teile des klassischen Lehrervortrags ersetzen.

(Foto: Bernd Weissbrod/dpa)
  • Die Digitalisierung wird das Lernen verändern, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.
  • Moderne Lernsoftware könnte die Rolle des Lehrers revolutionieren.
  • Jedoch birgt digitales Lernen auch Gefahren.
Von Roland Preuß

Die Online-Kurse an Universitäten, die sogenannten Moocs, werden die Bildung internationalisieren, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Die USA seien Europa beim digitalen Lehren um Jahre voraus, es werde dort sehr viel Geld in diesen Bereich investiert, die Inhalte könnten dann quasi umsonst verbreitet werden. "Es gibt die Gefahr einer digitalen Kolonialisierung", sagt Dräger der SZ. "Wenn ich mich online zwischen Harvard und Hannover entscheiden muss, klingt Harvard verlockender."

Der frühere Hamburger Wissenschaftssenator betont jedoch die Chancen digitalen Lernens, auch an den Schulen. Digitales Lernen verändert die Art, wie gelernt wird, und die Rolle von Lehrern und Dozenten. Dies zeigen die Entwicklungen in den USA, wo Lernsoftware im Unterricht erprobt wird, etwa durch die Organisation "New Classrooms".

Jörg Dräger im Wortlaut

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Einer ihrer Gründer brachte das Ausgangsproblem so auf den Punkt: Wenn er neuen Stoff durchgenommen habe, habe die eine Hälfte der Klasse ihn verstanden, die andere aber nicht. Was also sollte er am nächsten Tag machen? Die Organisation arbeitet nun mit Lernsoftware, die jedem einzelnen Schüler eigene Aufgaben stellt. Jeder Schultag endet mit einer kurzen Online-Prüfung, je nach Ergebnis wird am nächsten Tag weitergemacht. Die Lehre passe sich dem Lernenden an, nicht der Lernende der Lehre. Dies sei "die wahre Revolution", sagt Dräger.

Moderne Lernsoftware könne Schülern Grundlagen des Stoffs beibringen. "Warum können nicht Lernprogramme und per Video die besten Lehrer der Welt das Standardwissen vermitteln und die Lehrer vor Ort den Stoff mit den Schülern diskutieren und sich um deren persönliche Belange kümmern", fragt Dräger. Der Lehrer werde damit nicht überflüssig, sondern ändere seine Rolle.

Eine Gefahr sieht der Bildungsexperte in der missbräuchlichen Verwertung von Daten aus Lernprogrammen. Diese können inzwischen den Lernfortschritt jedes Nutzers erfassen, aber auch, wie viel jemand wann getan hat. "Digitales Lernen hat eine Kehrseite, der gläserne Schüler ist eine Gefahr", sagt Dräger. Jeder müsse selbst darüber entscheiden können, was mit seinen Daten geschehe.

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