Integration "Und wozu das alles?"

  • 130 Berliner Willkommenslehrer haben in einem offenen Brief gegen die aus ihrer Sicht zunehmend restriktive Asylpolitik in Deutschland protestiert.
  • Es hagele Ablehnungsbescheide, sagt eine Lehrerin, besonders Schüler aus Afghanistan seien betroffen.
Von Paul Munzinger

Fünf sogenannte Willkommensklassen gibt es an der Martin-Wagner-Schule in Berlin-Weißensee, einer Berufsschule für Bautechnik. Doch dass "Willkommensklasse" das richtige Wort ist, das bezweifelt Judith Kunze mittlerweile. Ungefähr 70 Flüchtlinge besuchen die Schule, an der die 34-Jährige als Lehrerin arbeitet. Es sind vor allem junge Männer zwischen 16 und 21 Jahren, sie kommen aus dem Irak, Afghanistan, Syrien und afrikanischen Ländern. Sie lernen auch Mathe oder Sport, aber in erster Linie Deutsch. Die Sprache, heißt es stets, sei der Schlüssel zur gelungenen Integration, die Brücke, die die Flüchtlinge für eine Zukunft in Deutschland überschreiten müssen. Doch genau das, eine Zukunft in Deutschland, wird es für viele der Schüler nicht geben.

Mehr als 130 Berliner Willkommenslehrer haben nun in einem offenen Brief gegen die aus ihrer Sicht zunehmend restriktive Asylpolitik in Deutschland protestiert, die viele ihrer Schüler trifft. "Seit Anfang des Jahres hagelt es Ablehnungsbescheide", sagt Kunze. Dies treffe vor allem Afghanen; keinem einzigen an ihrer Schule sei bisher der Status als Flüchtling oder der sogenannte subsidiäre Schutz zuerkannt worden. Viele warteten noch auf Antwort, die Angst vor der drohenden Abschiebung mache die Situation für die Schüler unerträglich.

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Auch Iraker und Syrer dürften nicht in Deutschland bleiben, sagt Kunze. Ein Syrer aus ihrer Klasse solle mit der ganzen Familie nach Bulgarien zurückkehren, weil sie dort bereits registriert worden waren. "Die humanitäre Flüchtlingspolitik des Jahres 2015, für die Deutschland weltweit große Anerkennung erfuhr, wird mit der aktuellen Asylpolitik und Abschiebepraxis völlig entwertet", heißt es in dem offenen Brief. Adressiert ist er an Innenminister Thomas de Maizière und den Regierenden Bürgermeister sowie den Innensenator Berlins.

Wir Lehrkräfte "zweifeln an der Sinnhaftigkeit unserer Aufgabe", heißt es in dem Schreiben, das Kunze mitverfasst hat. Wie viele andere Kollegen meldete sich die studierte Germanistin und Lehrerin für Deutsch als Fremd-/Zweitsprache (DaF/DaZ) auf eine Ausschreibung des Berliner Senats. Die Stadt habe Ende 2015, als Tag für Tag Tausende Asylsuchende nach Deutschland kamen, die Willkommensklassen eingerichtet und schnell viele Leute gebraucht. Tagtäglich, heißt es in dem offenen Brief, engagierten sich die Willkommenslehrer dafür, ihren Schülern ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Die Flüchtlinge bereiteten sich auf eine Ausbildung vor, lernten Deutsch, hätten Zukunftspläne. "Und wozu das alles?"

Sie habe nicht resigniert, sagt Kunze, aber die Situation sei schon "demotivierend". Es sei ohnehin schwer genug, die Klassen zusammenzuhalten, wenn die Schüler ständig Termine beim Amt oder beim Jobcenter hätten. Und wer eine Ausreiseanordnung erhalte, frage sich drei Mal, warum er noch zur Schule gehen solle. Nur ein Iraker komme immer noch jeden Tag, obwohl er Deutschland verlassen soll, sagt Kunze. Die Schule sei eben auch ein Halt für die Schüler, eine Ablenkung vom "Kopfkino" vor der Abschiebung. Der Iraker, 21, sei schlau, gut integriert, sein Deutsch werde immer besser. Vor einem Monat habe er seinen Ablehnungsbescheid bekommen.