Integration an deutschen Schulen "Ich bin gewonnen!"

Christine Fuchs-Hager, 58, will bis zu ihrer Pensionierung weiterhin hauptsächlich Ü-Klassen unterrichten.

(Foto: Johannes Simon)

In Willkommensklassen sollen die Kinder Geflüchteter Deutsch lernen. Doch das Lehrpersonal ist ebenso knapp wie das Geld. Ein täglicher Kraftakt - der oft belohnt wird.

Von Matthias Kohlmaier

Italien, Kosovo, Mazedonien, Kroatien, Rumänien, Bulgarien, Polen, Griechenland, Slowenien, Kenia, Marokko, Irak - alles auf ein paar Quadratmetern über der Tafel. Kinder haben dort auf Plakaten ihre Herkunftsländer vorgestellt, die Flagge oft stolz in der Mitte, drumherum aufgeklebte Zeitungsausschnitte und Sätze in der Landessprache. Einer Sprache, die für das jeweilige Kind nicht nur Mutter-, sondern auch Heimatsprache ist. Nur ist die Heimat für die 17 Schüler, die sich in diesem Klassenzimmer der Mittelschule in Puchheim bei München versammelt haben, weit weg. Und ihre Muttersprache ist in den Stunden mit Lehrerin Christine Fuchs-Hager auch tabu. Die Kinder sollen Deutsch lernen, damit sie bald in eine Regelklasse wechseln können.

Aber bis dahin ist es ein paar Wochen nach Schuljahresanfang noch ein weiter Weg. Damit die Schüler ihn schaffen, beginnt die Stunde nicht mit Konjugieren, sondern mit einer Partie Vier gewinnt. "Im Spiel müssen die Kinder Deutsch miteinander sprechen. Wegen der vielen Nationalitäten ist das die einzige Sprache, in der jeder jeden versteht", sagt Lehrerin Fuchs-Hager. Sie hält sich zurück und greift nur ein, als Mohammed jubelt: "Ich bin gewonnen!" - "Nein, ich habe gewonnen." "Ah, ok", sagt der Junge aus dem Irak und lächelt.

325 000 zusätzliche Schüler

"Sprache und Bildung sind der Schlüssel zur Integration", hat die Kultusministerkonferenz (KMK) kürzlich festgehalten. Dieser Teil der Integration von Flüchtlingskindern beginnt genau hier, in einer der Tausenden Übergangsklassen oder Willkommensklassen, deren Anzahl sich deutschlandweit in den letzten Jahren vervielfacht hat. In Bayern hat sich die Zahl binnen eines Jahres von 300 auf mehr als 470 erhöht. Niedersachsen hatte noch 2013 gerade einmal elf Klassen speziell für Neuankömmlinge aus fremden Ländern, inzwischen sind es etwa 260. Es werden in den kommenden Jahren noch mehr werden müssen. Die KMK geht von 325 000 zusätzlichen Schülern aus.

Die Mammutaufgabe Integration beginnt an vielen Schulen unnötig spät. Nur in Berlin und dem Saarland dürfen Flüchtlingskinder sofort nach ihrer Ankunft zur Schule gehen, haben Sprachforscher der Universität Köln herausgefunden. In den anderen Bundesländern verzögern die Regelungen des Asylrechts die Integration, in Bayern dürfen Kinder nach drei Monaten mit dem Lernen beginnen. Christine Fuchs-Hager findet das schade. Sie unterrichtet seit vier Jahren Übergangsklassen und weiß, wie viel Lust die Kinder haben, mit dem Deutschlernen anzufangen. "In den Ü-Klassen gibt es auf keinen Fall mehr schwierige Schüler als in den Regelklassen. Im Gegenteil: Hier wird meist engagierter mitgearbeitet."

Dass dabei jedes Kind mit anderen Voraussetzungen an die Schule kommt, ist für die Lehrkräfte eine große Herausforderung und erfordert im Unterricht viel Flexibilität. Bei der Wiederholung der Grundlagen zeigt sich das deutlich. Eine Schülerin kann Christine Fuchs-Hager nicht nur die Frage nach ihrem Namen, Heimatland und Lieblingstier in korrektem Deutsch beantworten, sie kann nach wenigen Wochen in der Schule auch sagen: "Ich bin seit fünf Monaten in Deutschland und will Friseurin werden."

Dass noch nicht alle so weit sind, zeigt Fuchs-Hagers Frage "Was ist heute?" an einen schmalen Jungen aus Mazedonien. Er schaut zu Boden, verlegen. "Heute ist . . . Winter?", sagt er fragend. "Nein", lacht die Lehrerin, "du hast noch keinen deutschen Winter erlebt. Heute ist Dienstag." Völlig andere Anforderungen als in einer Regelklasse seien das an sie als Lehrkraft, sagt Fuchs-Hager später. Differenzierung ist immens wichtig. Jeder soll das leisten und bearbeiten, was er kann. In der Ü5-7 in Puchheim hat dafür jeder Schüler sein eigenes Fach mit Arbeitsmaterialien. In Stillarbeit formulieren die einen ganze Sätze, während andere erst einmal die Buchstaben lernen müssen oder einfache Rechenaufgaben bewältigen. "In Mathe haben wir vom Stoff der ersten bis zur siebten Klasse alles da", sagt Fuchs-Hager.