Inklusionsgipfel in Bonn Erfolg, der keiner ist

Jeder vierte Schüler mit Förderbedarf geht heute auf eine Regelschule. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie - und klingt erst einmal gut. Doch tatsächlich besteht beim gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap Nachholbedarf.

Schon das Wort ist sperrig: Inklusion. Gemeint ist damit der gemeinsame Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Handicap. 2009 trat hierzulande die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft, seitdem ist Inklusion eines der wichtigsten Themen der deutschen Bildungspolitik. Denn die Konvention sieht das Recht auf einen gemeinsamen Unterricht aller Schüler vor. Doch fünf Jahre später hat sich nicht nur der Begriff nicht im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert - auch das dahinterstehende Konzept ist längst noch nicht Alltag an deutschen Schulen.

Das ist das Ergebnis der Studie "Inklusive Bildung - Schulgesetze auf dem Prüfstand", die heute im Rahmen des "Inklusionsgipfels" der Unesco-Kommission in Bonn vorgestellt wurde. Nach Ansicht der verantwortlichen Experten besteht bei der Umsetzung des gemeinsamen Unterrichts für Schüler mit und ohne Handicap weiter Nachholbedarf. Demzufolge ist in keinem der 16 Bundesländer ein abschließend entwickelter rechtlicher Rahmen erkennbar, der den Aufbau und den Unterhalt eines inklusiven Bildungssystems hinreichend gewährleisten könnte.

In allen Ländern sei zwar die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Handicap zumindest möglich. "Allerdings gibt es in den meisten Ländern weitreichende Einschränkungen oder Vorbehalte", erklärte Valentin Aichele vom Deutschen Instituts für Menschenrechte. Lediglich Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hätten inzwischen die Weichen auf rechtlicher Ebene gestellt. In anderen Ländern wie etwa Baden-Württemberg, Berlin, Schleswig-Holstein und Thüringen seien Gesetze in Arbeit oder aber für die nähere Zukunft angekündigt.

Mehr Kinder mit Förderbedarf

Der Studie der Monitoring-Stelle zur UN-Menschenrechtskonvention zufolge gab es im Schuljahr 2012/2013 495.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Davon wurden etwa 140.000 Kinder in allgemeinen Schulen unterrichtet. Der Großteil (etwa 72 Prozent) besuchte weiterhin Förderschulen. Zwar ist der Anteil der Schüler mit Förderbedarf an Regelschulen damit seit dem Schuljahr 2008/2009 um etwa zehn Prozent gestiegen: von etwa 18 auf 28 Prozent. Doch diese Zahl ist kein wirklicher Erfolg für die Bemühungen der Bundesländer, die für die Umsetzung der Inklusion verantwortlich sind. Denn im gleichen Zeitraum blieb der Anteil insgesamt der Schüler an Förderschulen in etwa gleich (2008/2009: 4,9 Prozent; 2012/2013: 4,8 Prozent).

"Die Förderquoten sind insgesamt gestiegen", sagte der Bildungsforscher Klaus Klemm Spiegel online. Konkret heißt das: Im Vergleich zu vor fünf Jahren wird heute bei mehr Kindern und Jugendlichen beispielsweise eine Sprach- oder Lernstörung festgestellt. Diese Schüler werden häufig weiterhin an einer Regelschule unterrichtet und bekommen dort eine spezielle Förderung. Das lässt den Anteil förderbedürftiger Schüler an Grund- und weiterführenden Schulen nach oben schnellen - Inklusion ist das aber nicht. "Erst wenn der Anteil der Schüler an Förderschulen sinkt, können wir von einem Erfolg bei der Inklusion sprechen", sagt Nadine Spörer, Professorin für Grundschulpädagogik von der Uni Potsdam.

Die Vorsitzende des Expertenkreises "Inklusive Bildung" der deutschen Unesco-Kommission, Ute Erdsiek-Rave, erklärte zu Beginn des zweitägigen Treffens, Inklusion erfordere zwar zusätzliche Kosten im Bildungswesen, verbessere aber zugleich die Qualität der Bildung insgesamt und könne zur Entlastung von sozialen Folgekosten beitragen. Die amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), hob hervor, dass Inklusion nicht nur die Schule betreffe. Diese sei eine "gesamtgesellschaftliche, lebensbegleitende Generationenaufgabe und die Grundvoraussetzung für eine offene und tolerante Gesellschaft".

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