Inklusion Behindert? "Nee, du, ich hab 'nen Lehrauftrag!"

Getrennte Wege? Die Idee der Inklusion lebt davon, dass Menschen mit und ohne Behinderung möglichst viel gemeinsam unternehmen.

(Foto: dpa)

In Kiel bilden Menschen mit Behinderung jetzt angehende Lehrer und Sozialarbeiter aus. So sollen diese lernen, später Inklusion besser zu managen.

Von Carsten Janke

Ein bisschen Gänsehaut hat er schon. Und ein komisches Gefühl, hierher zurückzukehren. Aber es ist ihm wichtig, dass seine Studenten wissen, wie es aussieht in einer Behindertenwerkstatt. Horst-Alexander Finke, 52, gibt Hochschulseminare und Weiterbildungen zum Thema Inklusion. Eines dieser Seminare heißt: "Meine Lebenswelt". Finke, zerzaustes Haar, braunes Sakko, hat selbst dreißig Jahre lang in einer solchen Werkstatt gearbeitet - als "Behinderter". Dann wollte er raus, etwas anderes machen. An seine Dozentenrolle hat er sich inzwischen gewöhnt. Finke, könnte man sagen, ist Vermittler in einer schwierigen Debatte.

Über Inklusion wird seit Jahren gestritten. Menschen mit Behinderungen sollen bessere Bildungschancen bekommen, Kinder von Anfang an gemeinsam lernen, ob mit oder ohne Handicap. Kritiker rügen, dass das Konzept viele Lehrer überfordere; und Inklusion, zumal schlecht umgesetzt, die Chancen für nichtbehinderte Schüler verschlechtere. Befürworter loben, dass viele Kinder nun nicht mehr vom allgemeinen Schulsystem ausgeschlossen werden.

Was das heißt - ausgeschlossen werden -, weiß Horst-Alexander Finke gut. Weil er zu früh auf die Welt kam und wegen einer fehlgeschlagenen Impfung hat Finke seit seinen ersten Lebensmonaten eine Sehbehinderung und eine Hirnleistungsschwäche. Seine Beeinträchtigungen sieht man nicht, aber sie haben seine Schulzeit nicht einfacher gemacht. Als er in den Siebzigerjahren eine Regelschule besuchte, reagierten die meisten Lehrer mit Unverständnis, einer sogar mit Schlägen. Auch Mitschüler schlugen manchmal zu, wenn sie merkten, dass Finke sich nicht wehrte. Er schaffte seinen Hauptschulabschluss, aber bei der Berufsausbildung setzte man ihn vor die Tür. Angeblich könne man nichts mehr für ihn tun. Also arbeitete Finke drei Jahrzehnte lang in einer Behindertenwerkstatt.

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Bis er vor drei Jahren auf einen Aushang aufmerksam wurde, der seinem Leben noch einmal eine neue Richtung gab. Die Kieler Stiftung "Drachensee" suchte Teilnehmer für das Projekt "Inklusive Bildung". Diese sollten unterrichten und bereit sein, die Arbeit in der Werkstatt hinter sich zu lassen. Finke bewarb sich und wurde genommen.

Bislang ist das Projekt international einmalig, die Idee dahinter einfach: Menschen mit Behinderung geben selbst Seminare zum Thema Inklusion. Sie unterrichten angehende Lehrer und Sozialarbeiter und bilden sich dabei selbst weiter zur pädagogischen Fachkraft. Die Dozenten bekommen, wenn alles gut läuft, eine Festanstellung und können von ihrer Lehrtätigkeit leben. Die Studierenden - meist ohne Behinderungen - bekommen schon früh im Studium Kontakt zu behinderten Menschen. Für ihr späteres Berufsleben ist das zunehmend wichtig, da immer mehr Kinder mit Behinderungen in den Schulklassen sitzen.

An diesem Tag besucht die Seminargruppe um Finke die Mürwiker Werkstätten in Flensburg, wo knapp 800 Menschen mit Behinderungen arbeiten. Die Besucher beobachten hier nicht nur, sie arbeiten mit. Das ist ein wichtiges Ziel des Seminars, Theorie und Praxis beim Thema Inklusion zu verbinden. Einen Tag lang verpacken die Studenten also Nugatpralinen, kleben Etiketten auf Rumflaschen oder sortieren Minzbonbons. Anfangs machen sie noch viele Fehler. Das Etikett zu weit links, die Packung zu voll. Geduldig bessern die Angestellten nach.