Inklusion an deutschen Schulen "Diese Unsicherheit schürt Ängste"

Lehrer ächzen, Eltern stöhnen unter dem Druck, zusätzlich zu den Leistungs- und Migrationsproblemen in einem ohnehin schwierigen Schulsystem jetzt auch noch eine weitere Reform mittragen zu sollen: das Einbeziehen Behinderter in den Unterricht. Dabei ist die Inklusion für alle da. Und für alle nützlich - wenn sie richtig gemacht wird.

Von Ruth Schneeberger
Bildungsrecherche Inklusion an deutschen Schulen

Ein Schülerin sitzt in einer integrierten Gesamtschule in ihrem Rollstuhl

(Foto: dpa)

Es ist eine Zumutung. Mit einem Rollstuhl an einem Samstag gut gelaunt durch die volle Münchner Fußgängerzone zu fahren, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Ständig laufen Passanten in die kranken Füße, sehen unmittelbar vor dem Rollstuhl die beste Gelegenheit, noch schnell den Gehweg zu kreuzen - nicht ahnend, dass Fahrer oder Lenker schon zum zehnten Mal an diesem Tag eine Vollbremsung hinlegen müssen. Was, je nach Schwere und Rollstuhlbeschaffenheit, keine leichte Aufgabe ist.

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Einen Platz ergattern im Aufzug eines Kaufhauses? Schwierig. Diejenigen, die genauso eine Roll- oder normale Treppe benutzen könnten, sind einfach schneller. Platz machen auf einem extra für den Rollstuhlfahrer ausgewiesenen Platz in der Straßenbahn? Geht oft nur unter lautstarken Unmutsbekundungen mit Hinweisen auf die eigene Krankheitsgeschichte. Und der Tramfahrer verdreht die Augen, wenn er die Rollstuhlrampe runterfahren muss, weil das seinen Zeitplan durcheinanderbringt.

Intoleranz, Beleidigungen, Anfeindungen

Rollstuhlfahrer - und ihre Begleiter - brauchen in München starke Nerven. Und viel Zeit. Schlimmer als fehlende behindertengerechte Infrastrukturen sind, so weiß Michael Holm zu berichten, der als Pflegehelfer schon Behindertengruppen und zuletzt eine Schlaganfallpatientin betreut hat, die Blicke. Nicht nur die des Tramfahrers, sondern auch die vieler Passanten. Und es sind nicht nur Blicke, sondern oft genug auch Sprüche. Bis hin zu derben Beleidigungen.

Der 28-jährige Münchner setzt deshalb darauf, den ganzen Schwierigkeiten und der Ausgrenzung durch andere möglichst viel Normalität im Umgang mit Behinderten entgegenzusetzen. Nimmt sie mit in die Kneipe, stellt sie seinen Freunden vor, entführt sie ins Nachtleben, organisiert Urlaub. "Ich will den Leuten die Möglichkeiten geben, die sie sonst nicht haben: am ganz normalen Leben teilzunehmen." Das scheitert oft an der Intoleranz der anderen.

Egal, wo er hinkommt, die Leute fühlen sich in der Öffentlichkeit durch die bloße Anwesenheit von Behinderten beeinträchtigt. Sei es durch einen Rollstuhl mit Übermaßen oder weil sie gerade nicht so schnell die Straße kreuzen können, wie sie es gerne hätten. Anfeindungen sind an der Tagesordnung.

Damit es so weit nicht mehr kommt, dass sowohl Behinderte als auch deren Betreuer, Pfleger und Familien sozial ausgegrenzt werden, haben die Vereinten Nationen 2006 die Inklusion beschlossen. 2009 trat das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland in Kraft.

"Wir wissen zu wenig voneinander"

Inklusion ist weitreichender als Integration, sie geht nicht nach davon aus, dass jemand mit Nachteilen in eine Gesellschaft vermeintlich Nicht-Benachteiligter integriert werden soll. Sondern dass alle einzigartig sind, es keine besseren oder schlechteren Menschen gibt und dass alle zusammen im selben Lernumfeld aufwachsen und gefördert werden sollten.

Schon die Kleinsten sollen an den Schulen lernen, dass nicht alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben - und trotzdem alle miteinander auskommen müssen. Dass jeder das Recht auf einen normalen Umgang, eine normale Schulausbildung und einen normalen Beruf hat - soweit eben möglich. Dass davon nicht nur die auf welche Art auch immer behinderten Kinder profitieren, weil sie nicht mehr an Förder und "Sonder"-Schulen vom normalen Leben ausgegrenzt werden, sondern auch die Kinder ohne Lernschwierigkeiten, die ohne Inklusion vielleicht erst im Erwachsenenleben mit Behinderten konfrontiert würden. Wenn überhaupt.

"Wir wissen zu wenig voneinander", sagt Sascha Decker, Pressesprecher der Aktion Mensch. Die Organisation mit Hauptsitz in Bonn hat 2012 eine Umfrage gemacht, um herauszufinden, wie viele Deutsche regelmäßig Kontakt mit Behinderten haben. Das Ergebnis: Ein Drittel hat Kontakt an Schule oder Arbeitsplatz. Zwei Drittel aber haben kaum Berührungspunkte mit Behinderten. "Da ist es auch völlig normal, dass diese Menschen unsicher sind", sagt Decker.

Weniger versöhnlich sieht das Florian Bublys. Der Gymnasiallehrer ist Sprecher der Berliner Lehrer-Initiative für Schulqualität, "Bildet Berlin!". Der finanzielle Aspekt ist für ihn bei der Umsetzung der Inklusion in Schulen hierzulande der entscheidende.