Humbolt Universität Doppelte Entlassung

Die Proteste an der HU begannen im Januar mit der Kündigung Andrej Holms, und sie endeten auch nicht, nachdem die Universität und der Dozent sich geeinigt hatten. "Von den Besetzern", kritisiert Sabine Kunst, "wurden Probleme an uns herangetragen, die im universitären Raum gar nicht lösbar sind."

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Berliner Studenten besetzen "auf unbestimmte Zeit" das sozialwissenschaftliche Institut der Humboldt-Universität - aus Protest gegen den Rauswurf ihres Dozenten Andrej Holm. Auch Professoren üben scharfe Kritik.

Von Paul Munzinger

Nach der Kündigung begann die Besetzung. Am Mittwochnachmittag war Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), ins sozialwissenschaftliche Institut gekommen, um den Studenten zu erläutern, was sie zuvor bereits der Öffentlichkeit erläutert hatte: Warum Andrej Holm nach seinem Rücktritt als Baustaatssekretär in der rot-rot-grünen Regierung auch seine Stellung an der Universität verliert. Es gab eine Diskussion, es gab Meinungsverschiedenheiten, und schließlich verkündeten die Studenten, das Institut sei besetzt. Die Veranstaltung wurde aufgelöst, ganz entspannt, wie ein Sprecher der Uni-Präsidentin betont. Auf die politische Debatte um den parteilosen Stadtsoziologen mit Stasi-Vergangenheit folgt also die gewissermaßen akademische Debatte.

Die Studenten wollen das Institut erst wieder räumen, wenn die Uni die Kündigung zurücknimmt oder eine neue, unbefristete Stelle für Holm schafft. Von Mittwoch auf Donnerstag übernachteten 50 bis 60 Studenten im Institut, berichtet Jan Zimmermann am Telefon, einer der Sprecher der Besetzer. In der Nacht auf Sonntag waren es noch 30. Ganz altmodisch haben sie Banner gemalt, auf denen "Holm geht, wir bleiben" steht oder auch, in Anspielung auf den Namen der Uni-Präsidentin: "Ist das Kunst - oder kann das weg?" Und ganz neumodisch halten sie die interessierte Öffentlichkeit per Twitter und Facebook über ihre Besetzung auf dem Laufenden. Der Account @holmbleibt verschickt seit Mittwoch Pressemitteilungen, Fotos und Stundenpläne, die sich die Studenten selbst gegeben haben. Am Freitagnachmittag zum Beispiel folgte auf die Veranstaltung "Konstruktionen von ostdeutschen Biografien" der Workshop "How-to-Mietpreisbremse", ab 16 Uhr dann der Einführungsworkshop Gentrifizierung.

Die HU begründete die Entlassung Holms mit dessen falschen Angaben zu seiner Biografie und ausdrücklich nicht mit seiner Stasi-Vergangenheit. Die Besetzer dagegen sprechen von einer "politischen Entscheidung". Die Universität habe dem öffentlichen Druck nachgegeben, sagt Zimmermann, der Holm als Dozenten beschreibt, der den Studenten "auf Augenhöhe" begegne und wenig von Hierarchien halte. Die Entscheidung gegen den Forscher sei auch eine Entscheidung gegen die Kritik an Gentrifizierung und Immobilienspekulation, für die Holm steht.

Auch Professoren üben Kritik an der doppelten Entlassung Holms. Das gehe in Richtung "Existenzvernichtung" sagt Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler in Köln und Kandidat der Linken für die Bundespräsidentenwahl im Februar. Der emeritierte Berliner Politologe Elmar Altvater kritisiert, die HU habe "opportunistisch reagiert". Stephan Lessenich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, sieht die Gefahr einer "politischen Diskreditierung soziologischer Stadtforschung über die Person Holms hinaus". Alle drei gehörten im Dezember zu den 350 Wissenschaftlern, die in einem offenen Brief die HU aufgefordert hatten, sich nicht "politisch instrumentalisieren und damit indirekt vor den Karren der Immobilienwirtschaft spannen" zu lassen.

Andrej Holm kündigte bereits am Mittwoch an, gegen seine Kündigung klagen zu wollen.