Hochbegabte K(l)eine Überflieger

Hochbegabung kann wunderbar sein, aber auch anstrengend.

(Foto: Westend61/imago)

Ein hochbegabtes Kind ist der Traum vieler Eltern. Aber: Gute Noten sind nicht garantiert, manche Kinder haben große Probleme.

Von Thomas Hahn

Max Volbers hat jetzt etwas ganz anderes im Kopf als das, was er im Kopf hat. Er ist einer der versiertesten Blockflötisten Deutschlands, vielmaliger Preisträger, Stipendiat der Deutschen Stiftung Musikleben. Er wurde in die Bundesauswahl "Konzerte Junger Künstler" berufen, was ihm zusätzliche Auftritte bringen dürfte neben denen, die er ohnehin schon hatte, unter anderem in Singapur und Südkorea. Max Volbers, 23, ist eingebogen in eine Karriere als Profi-Musiker. Die alten Wunderkind-Geschichten rund um seine sogenannte Hochbegabung findet er deshalb nicht wichtig. Dass er mit vier lesen konnte, dass er mit fünf Jahren bis hundert zählte - "daran erinnere ich mich teilweise auch gar nicht mehr."

Aber sein Vater Martin Volbers erzählt besagte Geschichten gerne. Denn damit kann er zeigen, was es heißt, mit Hochbegabung zu tun zu haben. Wie wunderbar das ist, aber auch wie anstrengend.

Hochbegabung ist ein Persönlichkeitsmerkmal wie Freundlichkeit oder große Füße. Sie ist zum Teil genetisch bedingt und messbar. Wer beim Intelligenztest 130 Punkte und mehr erreicht, gilt als hochbegabt, als Mensch mit besonderen Lern- und Denk-Fähigkeiten also. Nur zwei Prozent der Bevölkerung besitzen diese Eigenschaft. "Das ist leider weniger, als die meisten Eltern denken", sagt Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamm.

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Das Talent des eigenen Kindes ist für viele Erwachsene der ganze Stolz, und Hochbegabung kann der süße Grund für bittere Erfahrungen sein. Hochbegabte Kinder haben manchmal Probleme in der Schule. Sie können schon, was der Rest der Klasse nur mühsam lernt, passen deshalb im Unterricht nicht auf und sind gereizt. Aber Hochbegabung ist eben die Ausnahme, und manche Eltern sind enttäuscht, wenn sich zeigt, dass ihr Kind normal begabt und trotzdem schlecht in der Schule ist.

Für die Hochbegabten selbst wiederum kann es quälend sein, in Dimensionen zu denken, die andere nicht erreichen. "Manche hochbegabte Kinder neigen dazu, mehr zu grübeln, als ihnen guttut, und deshalb in depressiven Stimmungen zu versacken", sagt Holtmann. Und dass außerordentliche Intelligenz automatisch zu Verehrung und Beifall führt, stimmt auch nicht, wie Anke Bauer bezeugen kann.

"Was bin ich für ein komisches Tier"

Anke Bauer (Name geändert), 54, derzeit arbeitssuchend, hatte schon als Jugendliche das Gefühl, anders zu ticken als andere. Die Gleichaltrigen tanzten zu Popmusik, sie mochte mittelalterliche Minnelieder. Sie hinterfragte Lehrer und eckte an. Mitschüler ließen sie spüren, dass sie sie seltsam fanden. "Ich dachte immer, was bin ich für ein komisches Tier." Weil sie so viele Interessen hatte, fiel ihr die Berufswahl schwer. Archäologie war erst ihr Traum, dann machte sie Ausbildungen als Journalistin und als Schreinerin. Letztlich wurde sie kaufmännische Angestellte.

Sie arbeitete für verschiedene Firmen. Aber immer wieder hatte sie das gleiche Problem. Sie erkannte Verbesserungsmöglichkeiten in der Organisation früher als andere, sie machte darauf aufmerksam oder nahm selbständig Korrekturen vor. Andere legten ihr das als Anmaßung aus, Ausgrenzung, sogar Mobbing waren die Folge. Selbstzweifel plagten sie. Bei insgesamt drei Therapeuten suchte sie Rat. Vergeblich. Eines Tages gab ihr ein Bekannter ein Buch: "Außergewöhnlich normal" von der Hochbegabten-Expertin Anne Heintze. Sie staunte: Das Buch beschrieb genau ihre Probleme. Sie machte einen IQ-Test.