Grundschule Studie: Schultourismus führt zu sozialer Spaltung

Kurze Beine, kurze Wege: Die meisten Grundschüler besuchen ihre Sprengelschule.

(Foto: dpa)
  • Fast überall in Deutschland gilt bei Grundschulen das Sprengelprinzip, das heißt, dass die Kinder die nächstgelegene Schule besuchen müssen.
  • In Nordrhein-Westfalen gilt seit acht Jahren freie Schulwahl.
  • Eltern nutzen diese seitdem vor allem, um Schulen mit hohem Migrantenanteil zu meiden. Die sozialen Schichten bleiben mehr und mehr unter sich.

Eigentlich heißt es bei Grundschülern: "Kurze Beine, kurze Wege." Soll heißen, die Kinder besuchen einfach die nächstgelegene Schule, freie Auswahl gibt es nicht. Nicht allen Eltern gefällt das - besonders wenn es sich um bildungsaffine Eltern handelt und die Sprengelschule einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund aufweist.

Diesen Effekt hat nun eine Studie der Bertelsmann-Stiftung nachgewiesen. In Nordrhein-Westfalen hatte die Regierung aus CDU und FDP im Schuljahr 2008/2009 das Sprengelprinzip abgeschafft und die freie Schulwahl erlaubt. Seitdem heißt es dort: "Gleich und gleich gesellt sich gern" - so der Titel der Studie. Untersucht wurde das Wahlverhalten von Eltern in Mülheim an der Ruhr über einen Zeitraum von vier Jahren: 2008 bis 2011. Knapp 4000 Kinder wurden in diesen Jahren eingeschult.

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Ein Viertel geht nicht auf die nächstgelegene Schule

Besuchten vor der Freigabe unter anderem durch Ausnahmegenehmigungen etwa zehn Prozent der Kinder eine andere als die zuständige Grundschule, hat sich der Anteil seit 2011 bei gut 25 Prozent eingependelt - mit steigender Tendenz. Studienautor Thomas Groos stellt fest, dass die freie Wahl zu einer Zunahme der sozialen und ethnischen Trennung geführt habe.

Mit anderen Worten: Sozial benachteiligte Kinder bleiben durch die freie Wahl noch stärker unter sich, da Eltern mit niedriger Bildung am häufigsten die nächstgelegene Schule wählen. "Kinder mit Migrationshintergrund besuchen eher die ehemals zuständigen Gemeinschaftsgrundschulen als Nichtmigranten. Dies gilt vor allem dann, wenn der zu erwartende Migrantenanteil an der ehemals zuständigen Gemeinschaftsgrundschule hoch ist", sagt Groos.

Am häufigsten nutzen die freie Schulwahl demnach Eltern mit mittlerem Sozialstatus. Sozial privilegierte Eltern wählten etwas weniger häufig eine nicht zuständige Grundschule, was aber auch daran liegt, dass sie oft von vornherein in Vierteln wohnen, in denen der Migrantenanteil gering ist.

Der Studie zufolge führt die freie Schulwahl an einigen Schulen zu einem massiven Schülerschwund. Groos schlägt daher die Einführung eines sogenannten Sozialindex vor. Der solle die soziale Struktur der Schulen transparent machen. Benachteiligte Schulen in sozialen Brennpunkten könnten dann besser ausgestattet werden, etwa mit mehr Lehrern. Damit könnten diese Schulen so gut werden, "dass ihre Qualität auch bildungsaffine Eltern überzeugt".

Mühlheim ist nicht NRW

Andere Städte haben nach eigenen Angaben keinen so starken Anstieg wie den in Mülheim registriert. "In den ersten Jahren nach Umsetzung der neuen Regelungen konnte festgestellt werden, dass nur wenige Eltern von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, ihr Kind außerhalb der früheren Schulbezirksgrenzen anzumelden", sagt Dagmar Wandt, Leiterin des Schulverwaltungsamtes in Düsseldorf.

Auch in Essen habe sich im Großen und Ganzen nicht viel verändert, sagt Regine Möllenbeck, Amtsleiterin des Fachbereichs Schule in Essen. Die Stadt sei allerdings auch vor der Änderung schon großzügig bei der Schulwahl gewesen. Durch die Änderung sei "kein großer Schultourismus" ausgelöst worden. Die Leiterin der zweizügigen Ardeyschule im Essener Süden, Anke Seifert, kann ebenfalls keine große Änderung feststellen. "Jedes Jahr gibt es ein bis fünf Kinder, die aus nördlichen Stadtteilen kommen, wo die Eltern sagen, dass sie nicht möchten, dass ihr Kind dort zur Schule geht. Die meisten Eltern wollen aber, dass ihr Kind dort zur Schule geht, wo es auch wohnt."

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Die Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) begrüßt, dass die meisten Eltern nun zufriedener sind. "Grundschulen nutzen überdies immer mehr die Möglichkeit, sich über Profile gegenseitig abzuheben", sagt der VBE-Landesvorsitzende NRW, Udo Beckmann. Trotzdem halte sich die Konkurrenz unter den Schulen in den meisten Regionen in Grenzen. Der größte Teil der Eltern wähle für ihre Kinder immer noch die Schule mit der geringsten Entfernung.

Migrantenanteil spielt eine große Rolle

Negativ sei, dass Eltern ohne Migrationshintergrund häufig lieber die Schulen mit weniger Migranten wählten. "Schulen, die von vielen Kindern mit Migrationshintergrund besucht werden, haben es immer schwerer, eine Mischung zwischen deutschstämmigen Kindern und Migrantenkindern herzustellen."

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