Gesellschaft Hoffnungen auf eine gemeinsame Identität

Es fällt nun aber auf, dass die Forderungen nach mehr Bildung selten so konkret werden, dass man über deren Inhalte verhandeln könnte. Stattdessen scheint die Anrufung von "Bildung" schlechthin auszureichen. Mit "Bildung" wird offenbar eine Gemeinsamkeit, wenn nicht gar eine Gemeinschaft beschworen, in der sich die Menschen in einem von allen geteilten Wissen vereinen - ganz so, wie es (vermeintlich) früher war, als die Menschen (angeblich) alle Schillers "Glocke" auswendig hersagen konnten, oder doch wenigstens den "Erlkönig" von Goethe.

Das Phantom "Bildung" ersetzt insofern für deutsche Verhältnisse, was 1994 der amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom mit seinem Werk "The Western Canon" versucht hatte, oder auch das dänische Kulturministerium mit dem nationalen "Kulturkanon" im Jahr 2005. Die Kategorie "Bildung" zielt aber offenbar noch höher hinauf, bis in die luftigen Regionen, die den Fragen nach einer "Identität" gewidmet sind - sodass dann keiner mehr weiß, was gemeint sein soll.

Aus dem Takt

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Für dieses Ausweichen vor dem Inhalt lässt sich ein weiterer Grund benennen: die Pädagogisierung der Schule oder, anders formuliert, der Übergang vom Lernen zum Lernen des Lernens. Wenn es um die Entwicklung von "Kompetenzen" gehen soll, erscheinen diese gegenüber ihren Gegenständen als selbständig. "Kompetenzen" sind Fähigkeiten, die auf ihre Verwertung hin konzipiert sind und sich an beliebigen Sujets geltend machen lassen. Sie setzen wenig sachliche Kenntnisse voraus, sie verwandeln Wissen in Verfahren, sie beschleunigen die Verfallsgeschwindigkeit des Wissens. Was jetzt gelernt wird, kann morgen vergessen werden.

Auswendiglernen findet heute an den Universitäten statt

Die naheliegende praktische Folge dieser Verwandlung besteht darin, dass die Schule zunehmend von Aufgaben befreit wird, die Anforderungen an das Gedächtnis stellen - und dabei geht es keineswegs nur um das Auswendiglernen von Verben mit unregelmäßiger Konjugation oder von Namen der Nebenflüsse des Rheins, sondern etwa auch um den Umgang mit langen, gar literarischen Texten oder mit komplizierteren historischen Sachverhalten.

In den ersten Jahren des Studiums muss dann nachgeholt werden, was in der Schule an positivem Wissen nicht erworben wurde. Dadurch entsteht das Paradox, dass die Universität in vielen Fächern in den ersten Semestern mehr einer Schule gleicht, als es die Schule in ihren späten Jahren tut. Dass eine solche Schule keine besonders ernstzunehmende Einrichtung mehr darstellt, also an Geltung einbüßt, liegt ohnehin auf der Hand. Für die Universität gilt das übrigens auch.