Bertelsmann Eine Stiftung vermisst die Welt

380 Mitarbeiter und ein Jahresetat von 70 Millionen Euro – das ist die Bertelsmann-Stiftung, hier die Zentrale in Gütersloh. Der Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn gründete sie vor 41 Jahren; er gab an, der Gesellschaft „behilflich“ sein zu wollen.

(Foto: Schöning/imago)

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass Autoren der Bertelsmann-Stiftung das Land belehren wollen. Sie kommen selbstlos daher - und regen viele auf. Zurzeit zum Beispiel die Lehrer.

Von Paul Munzinger, Gütersloh

Für Wartende liegt in der Lobby der Bertelsmann-Stiftung jede Menge Lesestoff bereit. Change zum Beispiel, das Magazin der Stiftung, dessen Titel der Leser als Aufforderung verstehen darf: Auf dem Cover blickt er in ein verspiegeltes Smartphone und damit in sein eigenes Gesicht. Oder die Festschrift zum 40. Geburtstag, den die Stiftung im vergangenen Jahr gefeiert hat. Das Grußwort hat Frank-Walter Steinmeier beigesteuert: "Gäbe es die Bertelsmann-Stiftung nicht", schreibt der Bundespräsident, "wir müssten sie dringend erfinden."

Es gibt sie nicht nur, sie ist auch größer und aktiver denn je. 380 Mitarbeiter beschäftigt sie, in Brüssel, Washington, Barcelona und in Gütersloh; der Glasbau am Stadtrand liegt direkt neben dem Konzernsitz. Das Jahresbudget beträgt 70 Millionen Euro, und es gibt kaum ein Thema, bei dem sie kein Wort mitzureden hätte: Arbeitsmarkt, Integration, Bildung, Gesundheit - fast im Wochentakt fallen die Studien vom Gütersloher Ideen-Fließband, mit einem sicheren Gespür für Timing und meist warnendem Tonfall: Die Kinderarmut verschärft sich, das Steuersystem ist ungerecht, Deutschland verschläft die Digitalisierung. Stoff für Schlagzeilen.

Der Chef sagt: "Wenn Sie mich fragen, ob wir Einfluss nehmen wollen: Ja, das ist unser Ziel."

Nicht allen ist die Größe der Stiftung, ihr Selbstbewusstsein, ihre mediale Präsenz geheuer. Kritische Analysen zu Bertelsmann haben in den letzten Jahren viele Seiten gefüllt. Die Stiftung, so lautet der schwerste Vorwurf, hat mehr Macht, als die Demokratie erlaubt. Von einem Krake ist die Rede, von einer Nebenregierung, einer Macht ohne Mandat oder gar von der "Bertelsmannrepublik Deutschland". So heißt ein Buch, das der Journalist Thomas Schuler 2010 veröffentlichte. Der Untertitel: "Eine Stiftung macht Politik".

Tut sie das? Aart de Geus überlegt lange, bevor er antwortet: "Nein. Wer Politik macht, muss Macht haben. Und Macht haben wir nicht." Doch gebe es einen Unterschied zwischen Macht und Einfluss. "Und wenn Sie mich fragen, ob wir Einfluss nehmen wollen: Ja, das ist unser Ziel."

Der 62-jährige Niederländer de Geus ist seit 2012 Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Der Christdemokrat war schon Sozialminister in seiner Heimat, anschließend Vize-Generalsekretär der OECD. Der Blick aus dem Fenster in seinem Büro geht auf einen künstlichen See. Am hinteren Ufer erkennt man den Hubschrauberlandeplatz, auf dem früher Reinhard Mohn in Gütersloh einzuschweben pflegte. Der 2009 verstorbene Bertelsmann-Patriarch machte aus dem Familienbetrieb eines der größten Medienunternehmen der Welt, zu dem heute etwa RTL, die Verlagsgruppe Penguin Random House und der Zeitschriftenverlag Gruner und Jahr gehören.

1977 gründete Mohn die gemeinnützige Stiftung, die heute etwa drei Viertel der Konzernanteile hält. Es sei sein Wunsch, so schrieb er, "bei der Besserung der Dinge behilflich zu sein". Mohn sah seine Schöpfung als Reformwerkstatt, die unternehmerische Prinzipien auf die Gesellschaft übertragen sollte: Wettbewerb, Leistungsorientierung, Dezentralisierung. Und all das auf der Basis von Zahlen und Rankings. Dieser Forderung kommt die Stiftung unermüdlich nach: Gesundheitsmonitor, Demokratiemonitor, Religionsmonitor - eine Stiftung vermisst die Welt.

"Ich teile die Idee, dass man von der Führung eines Unternehmens viel für die Gesellschaft lernen kann", sagt de Geus. Er bezeichnet die Stiftung als "Think-and-do-Tank", soll heißen: Wir denken nicht nur, wir machen auch. Neben den Studien gebe es zahlreiche Modellversuche, in denen die eigenen Ideen erprobt werden. Um Bildung geht es dabei, um Integration, um Kultur. "Teilhabe ermöglichen", sei der Grundgedanke aller Projekte. Anders als viele andere Stiftungen fördert Bertelsmann allerdings keine Ideen Dritter, sondern nur die eigenen. Ein fragwürdiges Vorgehen für eine steuerbefreite gemeinnützige Stiftung, sagen Kritiker. "Ich sehe da kein Problem", sagt de Geus.