Geschlechterdebatte Das Drama der begabten Frau

So war das früher: Genie, Lehrer, Studentinnen. Pablo Casals bei einer Studienreise mit dem Sarah Lawrence Girls College im Jahr 1960.

(Foto: Leonard Mccombe/Getty Images)

Eine neue Studie belegt, dass Männer in Wissenschaften und Künsten die Vormacht halten, in denen angeblich nur geborene Genies Erfolg haben.

Essay von Rebecca Newberger Goldstein

Über weite Teile ihrer Geschichte hat unsere Spezies systematisch ihr Humankapital verschwendet, indem sie das kreative Potenzial der Hälfte ihrer Mitglieder mit Missachtung strafte. Höhere Bildung wurde Frauen an so ziemlich jedem Ort auf diesem Erdball bis zum 20. Jahrhundert vorenthalten. Die wenigen, die vorher darauf bestanden, sah man als "geschlechtslos" an. Erst in den letzten paar Jahrzehnten hat sich die Kluft zwischen den Geschlechtern so deutlich geschlossen, dass, zumindest in den USA, seit 1982 mehr Frauen einen Bachelor-Abschluss machten als Männer und seit 2010 auch mehr Doktortitel erworben haben. Das zeigt nur noch deutlicher, wie Schaffenskraft in der Vergangenheit verschwendet wurde.

Trotzdem wird der Graben zwischen den Geschlechtern in manchen akademischen Disziplinen stur beibehalten. Man bezeichnet sie im Englischen als STEM - "science, technology, engineering, mathematics", Wissenschaft, Technologie, Ingenieurswesen, Mathematik, was so ungefähr den "Mint"-Disziplinen entspricht, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik. Das ist sowohl in den USA als auch in Europa so. Für die verbleibende männliche Dominanz in diesen Fächern war eine ganze Reihe von Erklärungen im Angebot - manche wurden nur nervös geflüstert.

Selbstvertrauen entscheidet über Schulerfolg

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Wir wären verrückt, würden wir nicht jeden fähigen Verstand zur Lösung unserer Probleme nutzen

Es wurden dann auch Vorschläge ins Spiel gebracht, wie man diesen Graben überbrücken könnte. Wenn der Grund dafür, dass Frauen in den STEM-Disziplinen unterrepräsentiert sind, nicht in angeborenen Interessen und Fähigkeiten zu finden ist (Letzteres ist natürlich die Erklärung, die man nur flüstern darf), dann ist es wichtig, etwas daran zu ändern. Wir stehen vor enorm schwierigen Herausforderungen, praktischen wie theoretischen - und wir wären irre, würden wir nicht jeden willigen und fähigen Verstand, den wir kriegen können, in deren Lösung einbinden.

Deswegen war für mich die ganz große Nachricht ein Artikel, den im vergangenen Jahr Andrei Cimpian und Sarah-Jane Leslie in Science veröffentlichten. Zunächst einmal zeigen ihre Erhebungen, dass man den verbleibenden Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht mit STEM oder Nicht-STEM erklären kann. Es gibt STEM-Disziplinen - Neurowissenschaften beispielsweise und Molekularbiologie - die in den USA bei den Doktorarbeiten die Geschlechterparität erreicht haben, und es gibt Gebiete jenseits von STEM - Musiktheorie und Komposition (15,8 Prozent) und Philosophie (31,4) -, wo der Unterschied STEM-Disziplinen wie Physik (18,0), Computerwissenschaften (18,6) und Mathematik (28,6) den Rang abläuft. Das ist die erste Überraschung, die diese Studie parat hat - dass es nicht naturwissenschaftliche Fächer an sich sind, in denen die Kluft nicht geschlossen ist. Und diese Erkenntnis verändert schon für sich genommen bis zu einem gewissen Grad die Relevanz der diversen Hypothesen, die die beharrliche Unausgewogenheit erklären sollen.

Die These, die Leslie und Cimpian testen, ist eine, die ich selten gesehen habe - geschweige denn auf eine Art präsentiert, die man überprüfen könnte. Sie nennen sie die FAB-Hypothese:"field-specific ability beliefs", der Glaube an feldspezifische Fähigkeiten. Sie nimmt sich den Glauben vor, dass in einem bestimmten Gebiet der Erfolg einzig von angeborener Brillanz abhängt, jener Art von unbearbeiteter Intelligenzkraft, die man nicht lehren kann und die von keinem noch so gewissenhaften Arbeitsaufwand zu beeinflussen ist. Man könnte das den "Good-Will-Hunting-Quotienten" nennen, nach dem Film von 1997, in dem Matt Damon einen Hausmeister am Massachusetts Institute of Technology spielte, der gelegentlich im Dunkel der Nacht seinen Wischmopp niederlegt, um ohne jede Mühe Rechenaufgaben zu lösen, die er auf die Tafeln gekritzelt vorfindet.

Um die FAB-These zu überprüfen, haben die Forscher Fragen an Wissenschaftler führender amerikanischer Universitäten geschickt - Professoren, Promovierte, Studenten in Aufbau-Studiengängen - , um herauszufinden, bis zu welchem Grad man dort glaubte, die jeweiligen Fächer erforderten angeborene Brillanz. In manchen Gebieten sah man den Erfolg eher als Folge von Motivation und Praxis, in anderen wurde der Good-Will- Hunting-Quotient höher bewertet.

Und jetzt kommt die zweite Überraschung: Die Stärke des Glaubens an erforderliche angeborene Fähigkeiten sagt die Prozentzahl von Frauen in dem betreffenden Gebiet voraus, und zwar genauer als alle anderen gängigen Hypothesen, feldspezifische Unterschiede in der Balance zwischen Arbeit und Beruf eingeschlossen, genauso wie das Vertrauen auf den Gegensatz von systematischem und empathischem Denken. Mit anderen Worten: Cimpian und Leslie fanden heraus, dass die Frauen immer weniger werden, je mehr der Erfolg auf einem Gebiet als reine intellektuelle Feuerkraft bewertet wird, jene Felder, in denen man oft auf Ausdrücke wie "begnadet" und "Genie" trifft. Die FAB-Hypothese schafft den Sprung über die Kluft zwischen STEM und Non-STEM.