Geschichtsunterricht Ohne Giftschrank

Adolf Hitlers "Mein Kampf" ist als kommentierte Ausgabe erschienen. Kommt jetzt die Hetzschrift auch an Schulen?

Von Johann Osel und Joachim Käppner

Seit Freitag ist Hitlers "Mein Kampf" als kommentierte Ausgabe auf dem Markt, nun könnte die Propagandaschrift im Geschichtsunterricht öfter zum Einsatz kommen. Das zeigt eine Länderumfrage des Evangelischen Pressedienstes. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Bremens Senatorin Claudia Bogedan (SPD), sagte: "Es nützt nichts, etwas im Giftschrank zu verstecken." Ähnlich äußerten sich viele Ministerien. "Wir können uns nur entscheiden, ob wir Jugendliche das Buch alleine lesen lassen oder ob wir sie in der Schule dabei begleiten und das Buch gemeinsam mit ihnen kritisch reflektieren", sagte Mathias Brodkorb (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern. Skepsis gibt es allerdings auch. Das bayerische Kultusministerium lehnt die Nutzung zwar nicht ab, hält das Werk mit gut 2000 Seiten aber nicht ohne Weiteres für tauglich: "Es kann aber eine Grundlage für Schulbuchverlage oder Lehrer sein." Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagte, das Buch zeige, "wie aus diesen gefährlichen Worten Hitlers schreckliche Taten werden". Die Jugendlichen könnten nun selbständig denken und eben nicht auf populistische Verführer hereinfallen. Und: Das Buch sei verfügbar, die Schüler "werden also Fragen haben - es ist richtig, dass sie diese im Unterricht loswerden."

Doch was kommt nun? Der Vorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, forderte alle Länder auf, den weiterführenden Schulen ein Exemplar kostenlos bereitzustellen. Der Chef des Lehrerverbands VBE, Udo Beckmann, schränkte ein: "Holocaust und NS-Zeit sind fester Bestandteil des Lehrplans. Dazu kann es gehören, Auszüge aus Hitlers Hetzschrift als Quelle zu nutzen." Ein Pflichtlehrwerk soll es nicht sein, "da setze ich auf die Profession der Lehrkräfte, die selbst in der Lage sind zu entscheiden, welche Literatur zu welchem Zeitpunkt für ihre Lerngruppe die richtige ist".

Tatsächlich konnten Auszüge des Buchs auch bis dato von Lehrern verwendet werden. Manche Kritiker hatten daher den Rummel um die Veröffentlichung im Schulkontext gerügt. Auch wurde in der Fachwelt darauf verwiesen, dass Geschichte durch Lehrplanänderungen stark gelitten hat, in manchen Stufen nur einstündig unterrichtet wird. Vollständige oder auch eingehendere Lektüre sei so quasi ausgeschlossen. Generell ist für Schüler zumindest der Oberstufe das komplexe Werk aber durchaus geeignet, wie am Freitag bei der Präsentation der Ausgabe klar wurde. Zwar hatte der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, dies vorher bezweifelt. Doch viele Passagen des Originaltextes, die dann auf derselben Seite erklärt und analysiert werden, wären als Unterrichtsmaterial denkbar. Diese Meinung vertrat Projektleiter Christian Hartmann, demzufolge der gesamte Text "Satz für Satz erklärt wird". Blickt man auf die Kommentierungsbeispiele, bestätigt sich diese Einschätzung. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, das die Edition anfertigte, sprach davon, dass kreative Lehrer die Ausgabe auf jeden Fall nutzen könnten. Als "systematisches Unterrichtsmaterial" sei die Veröffentlichung jedoch nicht gedacht. Sollten Schulbuchverlage nun stärker auf Auszüge setzen, wird sich dies langsam bemerkbar machen. Mehrere Jahre vergehen vom ersten Konzept für ein Schulbuch bis Erscheinen, Geschichtsbücher werden zudem behördlich geprüft. Und neue Bücher kaufen Schulen ohnehin erst, wenn die alten ausgedient haben; oft nach einem Jahrzehnt Einsatz. Für Schulen ist die Neuerscheinung letztlich eine Erweiterung des Quellen-Pools - und nicht eine Zäsur für den Unterricht oder eine Wunderwaffe gegen Rechtsextremismus, wie Politiker verschiedener Parteien zuletzt nahegelegt hatten.