Geschichte des Plagiats "Meine Berühmtheit schulde ich niemandem als mir selbst"

Wissenschaftler und Literaten debattierten im 17. Jahrhundert immer wieder darüber, wer von wem etwas gestohlen haben könnte. Eine berühmte Kontroverse entbrannte in Frankreich um eine Tragikomödie des barocken Dramatikers Pierre Corneille: "Le Cid". Das Stück war angelehnt an eine spanische Vorlage. Im März 1637 geisterte, wie Theisohn schreibt, ein Gedicht von Jean Claveret durch Paris: Corneille sei ein Dieb und Hochstapler, heißt es darin. Andere stimmten in den Chor der Empörung ein. Eifersucht mag dabei eine Rolle gespielt haben - und Corneilles provozierende Eitelkeit: "Meine ganze Berühmtheit schulde ich niemandem als mir selbst."

Die Autoren nahmen sich und ihre Geistesblitze immer wichtiger, gipfelnd im Geniekult des Sturm und Drang und der Romantik. Zugleich reiften die Standards für sauberes wissenschaftliches Arbeiten. Lexika für Gelehrte warnten eindringlich vor dem Fälschen und Plagiieren. Mögen sie auch strafrechtlich folgenlos sein, in der akademischen Welt werden Plagiate seither als schweres Vergehen gebrandmarkt. Freilich gibt es immer wieder übereifrige Ankläger, bei denen die Suche nach fremden Federn wahnhafte Züge annimmt. Der Anatom Paul Albrecht ist so ein Fall. Er veröffentlichte 1890/91 im Selbstverlag sechs Bände mit dem Titel "Leszing's Plagiate".

Ausgerechnet der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing soll also ein fieser Plagiator gewesen sein?

Eine eigenhirnige Idee

Albrecht versuchte zu beweisen, dass "eigenhirnige Gedanken im Leszing überhaupt nicht vorkommen". Gäbe es eine Säure, die Plagiate auflöste, "eigenhirniges Gute jedoch nicht angriffe", so würde sie das ganze Werk Lessings zersetzen, behauptete der Mediziner. Das war nun selbst eine ziemlich eigenhirnige Idee. Die mehr als 2000 Seiten, auf denen der vermeintliche Beweis geführt wird, zeugen weniger von Lessings Plagiaten als von Albrechts Problemen. Im Zustand geistiger Umnachtung soll sich der arme Mann schließlich zu Tode gestürzt haben.

In vielen anderen Fällen waren Plagiate kein Produkt der Einbildung. So soll der Schriftsteller Paul Zech ein manischer Betrüger gewesen sein. Theisohn hat ihn als "einsamen Rekordhalter" in der Kategorie des öffentlich überführten Plagiators bezeichnet. Zech hatte sich in den 1920er-Jahren ausgiebig bei anderen Autoren bedient; der Schriftstellerverband schloss ihn aus, und mit der Polizei bekam er Ärger, weil er in einer Berliner Bibliothek reihenweise Bücher gestohlen haben soll.

Theisohn hat mit Blick auf Zechs Vita die Frage gestellt, wie sich jemand derart ungeschickt anstellen könne. Zech brachte sich selbst um seinen Ruf, die Presse reagierte entsetzt: "Ein Autor, der seit Jahren einen unbestrittenen Ruhm als Dichter genießt, hat offenbar in dem Gefühl des Nachlassens schöpferischer Kräfte sich an fremdem Geistesgut vergangen." Der bekannte Autor und Mediziner Friedrich Wolf, der Zech wegen dessen sozialkritischer Texte verteidigte, stellte nachdenklich eine Grundsatzfrage, die für viele Plagiatoren gelten könnte: "Wäre es gar so undenkbar, dass ein Dichter die Beute seines anderen Ichs ist, von dem er selbst subjektiv nichts weiß?"

Typischerweise sind Plagiatoren jedoch Meister in der Kunst des Verschleierns. In Sicherheit können sie sich allerdings nie wiegen. Und so sind in der Wissenschaft nach dem Fall Guttenberg noch eine ganze Reihe prominenter und nicht-prominenter Texträuber aufgeflogen.

Schon der alte Thomasius warnte die Plagiatoren, dass überall in der ungeheuren Weite des Erdenrunds plötzlich ein Kritiker als Kläger auftauchen könne. Als Guttenbergs Plagiate bekannt wurden, widmete der Philologe Karl August Neuhausen im "Neulateinischen Jahrbuch" einen schönen Aufsatz der bis heute einschlägigen Dissertation, die Thomasius im 17. Jahrhundert über Plagiate verfasst hatte. Die "Saat des Schwindelhafers" sei zur Blüte gekommen, hatte Thomasius geschrieben. Vom Internet und der Technik des copy & paste hatte er noch keine Ahnung. Aber er war, wie Neuhausen schreibt, "hellseherisch" genug, um eine treffende Prognose abzugeben: Die Saat des Plagiats werde weiter aufgehen.