Geisteswissenschaften Gedruckt wird nur, was Schlüsselbegriffe enthält

Diese Mechanismen machten eine unkonventionelle Arbeit schlichtweg riskanter. Doktorand Barbi sagt: "Oft werden unorthodoxe Gedanken zunächst nicht als suspekt betrachtet. Wenn sie jedoch erfordern, sich vom gängigen Jargon abzusetzen, wird der Gedanke als formal unzulänglich angesehen und die Publikation verwehrt." Es gibt also sprachliche Zusammenhänge aus Schlüsselbegriffen, Schlüsselzitaten und Schlüsselquellen, die bedient werden müssen, damit ein Essay problemlos in den Journals erscheint und durch die Algorithmen der Suchmaschinen bestmöglich erfasst wird. Diese bestimmen die Rankings auf Webseiten wie Academia.edu. Wer dort oben steht, wird häufiger zitiert, gilt damit als relevanter und hat bessere Karrierechancen. Hegt man ein philosophisches Erkenntnisinteresse, ist das natürlich völliger Unsinn.

Die Konsequenzen für die philosophische Praxis sind fatal. "Peer-Review in der Philosophie ist die Vortäuschung von Qualitätskontrolle", so Gabriel. "Kein einziger großer Philosoph wäre je mit einem seiner relevanten Texte in ein solches Journal gekommen. Immanuel Kant hätte unter heutigen Bedingungen nicht publizieren können. Seine ,Kritik der reinen Vernunft' wäre nie bei Oxford University Press erschienen, ,Was ist Aufklärung?' vielleicht noch in der Süddeutschen."

"Geisteswissenschaftler haben bessere Chancen denn je"

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Zugrunde liegt dem Journalsystem ein wesentliches Missverständnis. "Die Philosophie, wie vor 2500 Jahren im Westen und Osten konzipiert, ist fundamental inkompatibel mit einem ideologischen Verständnis von Wissenschaft. Aber in der Logik gibt es keine Entdeckungen wie die neuer Proteinvariationen in der Biologie." Dieser quasiwissenschaftliche Ansatz beeinträchtige auch die Sprache. "Heute wird in Deutschland so getan, als werde in dem anonymen, stillosen Stil der Peer-Review-Journals von Tatsachen berichtet. Dabei wird in den USA, entgegen den Vorurteilen, auch sprachlich experimentiert."

Überhaupt sind schnelle Journaldebatten kein Allheilmittel. "Will man sich etwas ausdenken, was eine Wirkungskraft wie etwa Saul A. Kripkes ,Name und Notwendigkeit' hat, dann braucht man Zeit. Bis Kripke dieses Buch schreiben konnte, hat er zehn Jahre nur über Semantik nachgedacht." Die Doktorarbeit ist als so ein Raum konzipiert: Hier folgt man über zwei oder drei Jahre, abseits von Hektik und Karrieresorgen, seinem genuinen Interesse.

De facto aber fließt ein Großteil dieser Energie, so sind sich Professor, Post-Doc und Doktorand einig, in wissenschaftlich redundante Vorträge und Aufsätze, allenfalls als rhetorische Fingerübungen entschuldbar, tatsächlich jedoch selten mehr als ein strategisches Aufmerksamkeitsheischen. Dies bläht die Diskurse immer weiter auf. Ein Teufelskreis, der bei der Promotion nicht endet. "Eine Universitätskarriere bei uns heißt, sich dem Diskurs und seinen Freiheit und Kreativität einschränkenden Mechanismen bis zur entfristeten Stelle zu fügen", erklärt Gabriel. "Und diese wenigen, fixen Posten kommen sehr spät. Etwa in einem Alter um die vierzig." Bis dahin würden etliche Arbeiten aus Karriereerwägungen produziert.

Die deutsche Philosophie zeichnete immer ein besonderes Verhältnis von Sprache und Denken aus. Sie war damit zugleich jargonkritisch und jargonanfällig. Wenn aufgrund struktureller Bedingungen Promovieren heute bedeutet, sich einem quasiwissenschaftlichen Jargon anbiedern zu müssen, ist die Gefahr groß, dass das kritische Gegengewicht im Denken bereits in seinen Anfängen verkümmert. Eine Gefahr, vor der schon Denker wie Weber, Heidegger oder Adorno warnten. "Was Heidegger als das Gestell bezeichnet hat, ist ja die Horrorvision einer Groko des Denkens, die überall einzieht", so Gabriel. "Der philosophische Betrieb heute ist Heideggers Albtraum."

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