Frühkindliche Entwicklung Spitzenforscher fordern mehr Bildung für Kleinkinder

Kita als Chance: Wer im Kleinkindalter zu wenig Lernanreize bekommt, tut sich später in der Schule schwerer, warnen Forscher.

(Foto: dpa)

"Im vorschulischen Bereich war Deutschland lange Entwicklungsland": Deutschlands Spitzenforscher warnen, die Politik tue zu wenig, um Ein- bis Sechsjährige zu fördern. Besonders Kinder aus bildungsfernen Familien würden dadurch benachteiligt - mit Auswirkungen auf das ganze Leben.

Von Christopher Schrader, Berlin

Deutschland muss mehr in die Bildung kleiner Kinder investieren. Dies fordern die Nationalakademie Leopoldina und weitere Wissenschaftsakademien. Was Kinder bis zur Einschulung erfahren, präge ihr Leben und lasse sich später oft kaum nachholen. Das gelte sowohl für das Erlernen von Sprache und Intelligenz als auch für emotionale Stabilität. Das Personal in Kitas müsse mehr Wissen über die geistige und emotionale Entwicklung der Kinder und typische Störungen erwerben. Allerdings wollen sich die Forscher nicht der Forderung anschließen, dass Betreuer eine akademische Ausbildung bekommen. In der Leopoldina sind 1500 Wissenschaftler organisiert, sie vertritt die deutsche Wissenschaft in internationalen Gremien.

"Im vorschulischen Bereich war Deutschland lange ein Entwicklungsland", sagte Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. "Wir holen auf, liegen aber noch zurück." Ein 15-köpfiges Team aus Forschern der Disziplinen Neurobiologie bis Ökonomie hat unter Federführung der Leopoldina einen Bericht über "Frühkindliche Sozialisation" erarbeitet und am Donnerstag in Berlin veröffentlicht. Das Papier des Zusammenschlusses von Spitzenforschern entfacht damit die Debatte um die bestmögliche Betreuung und Förderung von Kindern neu. Die Wissenschaftler betonen das Gewicht guter frühkindlicher Bildung, diese sei "gesamtgesellschaftlich besonders sinnvoll".

Eingreifen, wenn die Kleinen Defizite zeigen

Insbesondere sollten mehr Kinder, vor allem aus bildungsfernen Familien, Krippen und Kindergärten hoher Qualität besuchen, fordern die Forscher. Die Gruppen dort müssten kleiner sein, und die Mitarbeiter sollten eingreifen, wenn die Kleinen Defizite zeigten. Im Berufsverständnis sollten sich Erzieherinnen auf einer Stufe mit Grundschullehrerinnen fühlen können, sagte Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Statt für eine Kindergartenpflicht plädieren die Forscher für stärkere Anreize, vor allem für Familien aus sozial schwachen und bildungsfernen Gruppen. Deren Nachwuchs könnte oft besonders vom Besuch solcher Einrichtungen profitieren. Dies gelte vor allem für das Lernen einer Sprache, die nicht Muttersprache sei, also für Kinder aus Migranten-Familien.

"Manchen Eltern fehlen Informationen, welche Bedeutung frühkindliche Erfahrungen für das Leben haben", sagte Spieß. "Für viele fängt Bildung erst mit der Schule an." Frank Rösler von der Universität Hamburg, einer der Sprecher der Arbeitsgruppe, ergänzte: "Vielleicht sollte man nicht Betreuungsgeld zahlen, wenn das Kind zu Hause bleibt, sondern wenn Eltern es in eine Einrichtung schicken."

Laut dem Mitte Juni veröffentlichten nationalen Bildungsbericht besuchten 2013 schon 94 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einen Kindergarten; von den Jüngeren gehen im Westen ein Viertel, im Osten die Hälfte in die Krippe.

Frühkindliche Bildung bedeutet laut den Forschern nicht zwangsläufig eine Verschulung; es gehe darum, Kindern zu ermöglichen, ihre Chancen zu nutzen. Entscheidend sei, dass man Mädchen oder Jungen über "kritische Schwellen" ihrer Entwicklung helfe, so Baumert.

"In vielen Krippen herrschen hanebüchene Zustände"

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