Frankreich Sélection statt Egalité

Ihr wollt eine Selektion einführen? Dann besetzen wir! Protestplakat an der Université Paris 1.

(Foto: Michel Euler/AP)

Blick nach vorn im Zorn: Warum Studenten so sehr gegen Macrons Reformpläne sind, dass sie im ganzen Land die Universitäten besetzen.

Von Paul Munzinger

Die Eingänge sind verrammelt, Tische und Stühle sind zu Barrikaden aufgetürmt: Die Université Paul Valéry in Montpellier ist dicht, besetzt von Studenten, seit Wochen schon, auf unbestimmte Zeit. Genauso wie die Uni in Toulouse, genau wie Fakultäten und Hörsäle in Paris und Nantes, in Nizza und Tours. Es rumort an Frankreichs Hochschulen, und es ist kein Unmut, der laut beginnt und dann abebbt. Es ist ein Protest, der seit Wochen anschwillt.

Die Wut vieler Studenten (und auch einiger Professoren) richtet sich gegen die Hochschulreform von Präsident Emmanuel Macron, die bereits im Februar verabschiedet wurde. Das Gesetz regelt den Zugang zu den Universitäten neu. Von den elitären Grandes écoles abgesehen, konnte in Frankreich lange Zeit jeder studieren, was und wo er oder sie wollte. Das geht nicht mehr, der Andrang an vielen Universitäten ist in den vergangenen Jahren zu groß geworden. Vielfach wurden die begehrten Plätze einfach verlost. Mit diesem "absurden System" solle nun Schluss sein, sagte Macron im Februar. Mittels eines neuen Verfahrens werden die Studenten künftig auf die Unis verteilt, der Mangel verwaltet. Abiturienten reichen eine Bewerbung ein, bestehend aus den Schulnoten, einem Motivationsschreiben, einer Empfehlung des Klassenlehrers, einem Lebenslauf. Die Unis können dann selbst entscheiden, auf welches dieser Kriterien sie ihre Entscheidung stützen.

Was NC-erfahrenen deutschen Studenten womöglich nicht mehr als ein Schulterzucken entlockt, kommt für viele Kritiker in Frankreich einem Tabubruch gleich. Installiert werde eine "Sélection", ein Auswahlsystem, das die Ungleichheiten im Bildungssystem und damit die Gräben in der Gesellschaft noch weiter vertiefe, warnt die Unef, der größte Studentenverband des Landes. Jeder dritte Studiengang werde künftig aussieben, zum Nachteil all jener Bewerber, deren Gymnasium keinen guten Ruf genießt, deren Motivationsschreiben fehlende Bildung erahnen lässt, deren Namen arabisch oder afrikanisch klingen. Die Reform untergrabe den Anspruch aller auf gleiche Bildungschancen.

Seit Monaten schon mobilisieren Gewerkschaften und Studentenverbände gegen die Reform, doch der Protest dümpelte lange Zeit eher vor sich hin. Dass er nun wächst und wächst, dürfte zum einen an den gewalttätigen Zusammenstößen liegen, die die Stimmung zuletzt anheizten. In Montpellier stürmten bewaffnete Vermummte Ende März einen besetzten Hörsaal. Dazu kommt, dass sich die Studenten mit den Eisenbahnern und anderen solidarisieren, die sich dem Reformeifer Macrons derzeit ebenfalls entgegenstellen.

Die Regierung gibt sich unnachgiebig. Forschungsministerin Frédérique Vidal beklagt Desinformation und Manipulation, sie spricht von kleinen militanten Gruppen, die Gewalt schürten. Premierminister Édouard Philippe sagte vergangene Woche, die anstehenden Prüfungen würden wie geplant stattfinden - "natürlich". In Montpellier, wo der Campus besetzt ist, sollen die Studenten ihre Klausuren im Internet ablegen.