Forschung und Öffentlichkeit Das große Trommeln

Neugierige Blicke an der "Kinder-Universität" in Frankfurt/Oder.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

"Erklären Sie noch oder werben Sie schon?" Forscher zielen zunehmend auf ein breites Publikum, Hochschulen rüsten ihre Öffentlichkeitsarbeit auf. Es ist ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit entstanden. Mit welchen Folgen?

Von Johann Osel und Hannes Vollmuth

Sein Lebenswerk hört Jürgen Tautz meistens schon von weitem. Es brummt. Der Professor stemmt sich am Rande des Würzburger Campus gegen ein Gittertor, im Haus dahinter ist der Bienen-Live-Stream, der seine Forschung in die Welt verschickt. Tautz, Mitte 60, weißes Haar, ist wohl Deutschlands bekanntester Bienenforscher - und ein begnadeter Erklärer und Lehrer, einer, der will, dass wirklich jeder etwas über Bienen lernt. Er betreibt die Dauer-Schalte aus dem Bienenstock, er schreibt Kinderbücher und Beiträge für Schulen, in Gärten von Altenheimen stellt er Bienenstöcke auf, dreht Kurzfilme fürs Kino und pflegt eine Lernplattform zur Honigbiene. Jetzt im Winter, so erfährt man dort, halten sich die Bienen mit "Power-Kuscheln" warm.

Und dann ist da natürlich die Fachwelt. Wer sich mit der "Apis mellifera" beschäftigt, also der Honigbiene, der kommt an Jürgen Tautz kaum vorbei. Dass aber seine Ergebnisse nur für die Kollegen die Universität verlassen, für Tagungen oder für Fachjournale - das widerspräche dem, was ihm wichtig ist: die Kommunikation der Wissenschaft mit der Gesellschaft.

Elfenbeinturm ade: Wieviel Öffentlichkeit verträgt die Forschung?

Die Öffentlichkeitsarbeit ist bereits ein wichtiger Bestandteil an Hochschulen. Formate wie Kinderuniversitäten und "Science Slams" erhöhen die Aufmerksamkeit zusätzlich. Aber welche Folgen hat das für die Forschung und die Universitätslandschaft? Wird bereits zu viel kommuniziert? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Dafür wurde Tautz schon geehrt, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der großen staatlichen Fördereinrichtung: mit dem "Communicator-Preis". Jedes Jahr begibt sich die DFG, zusammen mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, auf die Suche nach Forschern, die "in herausragender Weise" ihre Ergebnisse in die breite Öffentlichkeit tragen. So soll "der immer wichtigere Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gestärkt werden", heißt es. Tautz führt diesen Dialog mit Leidenschaft. Und das wird eben immer wichtiger: Die Wissenschaft hat das Sprechen gelernt, Hochschulen kommunizieren professioneller, rüsten ihre Abteilungen dafür auf, pflegen ihre Marke fast wie Unternehmen - so stark aber, dass Beobachter die Gegenfrage stellen: Wird nicht schon zu viel kommuniziert?

Von der Schülerzeitung zum Hochglanzmagazin

"Erklären Sie noch oder werben Sie schon?" So fragte kürzlich das Magazin Deutsche Universitätszeitung auf dem Titel frech seine Leser. Und berichtete dann über "Schönfärberei und Alarmismus" in Pressemittelungen oder "Banalisierung" von Forschung. Kommuniziert wird ja mit Verve und auf allen Kanälen: Zeitschriften von Universitäten waren einst oft Hefte in der Machart von Schülerzeitungen - heute sind es Hochglanzmagazine. Waren Professoren früher als Experten selten zeitnah zu erreichen ("Schicken Sie ein Fax, er meldet sich in den nächsten Wochen"), werden Ansprechpartner nun strategisch vermittelt. Die Öffentlichkeitsarbeiter sind zunehmend ausgebildete Journalisten. Viele Unis haben Expertendatenbanken nach Stichworten von A wie Aids bis Z wie Zuwanderung, es laufen Nachrichtenticker, sogar Bundestagsprotokolle werden studiert - um relevante Themen herauszufiltern, um Forscher bereit zu halten oder aktiv Expertisen anzubieten. Selbstverständlich werden Twitter und Co. bedient.

Und da sind die vielen Veranstaltungen, ganz neue Formate - von "Kinder-Universitäten", mit denen der Nachwuchs von überübermorgen Wissenschaft erlebt, bis zum Seniorentag, von üppig inszenierten nächtlichen Vortragsreihen ("Night of the Profs") bis zur rollenden Ausstellung auf Bahngleisen, von offenen Laboren bis zum "Science Slam". Bei diesen Turnieren treten Forscher gegeneinander an, der Applaus des Publikums kürt den besten Erklärer. Bienenforscher Tautz schildert schon mal bei einem Automobilgipfel Managern, was sich deren Branche von der Funktionsweise des Bienenstocks abschauen kann.

Das alles kann famose Möglichkeiten zum Dialog schaffen, es kann Universitäten in die Mitte der Gesellschaft bringen und Wissenschaftlern die nötige Bodenhaftung verschaffen - Elfenbeinturm ade. Oder ist das alles zu dick aufgetragen?

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