Flüchtlinge Mitten im Leben

Atmosphäre des Willkommenseins - und zwar in typisch studentischer WG-Küchen-Unaufgeräumtheit.

(Foto: C. Janke)

Dank eines Online-Projekts leben junge Flüchtlinge nun auch in Studenten-WGs. Probleme? Bereitet höchstens der Einkauf beim Metzger. Zu Besuch in Darmstadt.

Von Carsten Janke

Auch in Hessen gab es schon Übergriffe auf Flüchtlinge und verbale Attacken. Manche reden dann von "verständlichen Ängsten" in der Bevölkerung. Lukas Meuth versteht das ganz und gar nicht. Für den Erzieher ist Salah Ali aus Syrien einfach "ein WG-Mitbewohner wie jeder andere." Als im November ein Zimmer bei ihnen in Darmstadt frei wurde, stellte Lukas es kurzerhand auf die Webseite "Flüchtlinge willkommen". Seit zwei Monaten wohnen sie nun zusammen.

Salahs Heimatstadt im Südwesten Syriens ist Kriegsgebiet. Im Darmstädter Stadtteil Arheiligen zwitschern die Vögel im Garten, zwischen Fachwerkhäusern und Kirche plätschert ein Bach. Salah ist etwas schüchtern, aber er lacht viel, während er von seinem neuen Leben erzählt. Von den Nachbarn, vom Amt, von hessischen Fleischern und islamischen Speisevorschriften. Vor einem halben Jahr kam der junge Mann mit dem Flugzeug nach Europa. In Deutschland will er sein Medizin-Studium beenden. Fünf Monate verbrachte er nach der Erstaufnahme-Stelle in Heimen, inzwischen ist er als Flüchtling anerkannt und in seiner WG angekommen. Auch im ganz profanen Alltag: Mitten im Gespräch steht er kurz auf, um die Wäsche aufzuhängen.

Schon mehr als 500 Wohnungen wurden auf der Mitwohnzentrale für Flüchtlinge eingetragen, die Ende vergangenen Jahres gestartet ist. Eine der Gründerinnen ist Mareike Geiling. Sie sagte sich damals: Wir wollen Flüchtlinge in die Mitte der Gesellschaft holen - warum nicht auch in WGs? Konkret: In ihre WG in Berlin. Das taten sie und ihre Mitbewohner dann. Und weil sie gute Erfahrungen machten, kamen sie auf die Idee, eine Website dafür einzurichten. Zimmeranbieter und Interessenten tragen sich ein, sobald ein passender Kandidat gefunden ist, beginnt das Team von "Flüchtlinge willkommen" damit, die wichtigsten Fragen zu beantworten: Stimmt das Sozialamt zu? Und wie wird das Zimmer finanziert? Oft bezahlt das Amt die Miete. Oder das Team sucht nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten, zum Beispiel durch die WG selbst oder durch Kleinspenden, die man über die Website abgeben kann. "Um das erste Kennenlernen kümmern sich dann soziale Organisationen vor Ort, mit denen wir zusammenarbeiten, wie die Caritas oder Flüchtlingsräte."

Dass Flüchtlinge in WGs leben können, ist neu. Grund sind die vielerorts überfüllten Unterkünfte. Drei Monate nach ihrer Ankunft werden Flüchtlinge auf Städte und Gemeinden verteilt. Dort können dann die Sozialämter entscheiden, die Flüchtlinge in privaten Wohnungen unterzubringen - oder eben in WGs. Bei Behördenterminen von Salah haben seine neuen Mitbewohner ihn begleitet. Zuhause haben sie gemeinsam seine Möbel aufgebessert. Eine Mitbewohnerin hat sogar einen Arabisch-Kurs angefangen. Nur beim Essen ist es manchmal kompliziert. Als es einmal Spaghetti Bolognese gab, telefonierten sie mit dem Fleischer im Ort, um herauszufinden, ob er auch Schwein durch den Fleischwolf gedreht hatte. Dann wäre das Rindfleisch für die Soße nicht mehr halal, entsprechend den islamischen Speisevorschriften zubereitet. Diese kleinen Probleme stören Salah nicht: "Na und?", sagt er und lacht seine Mitbewohnerin Megi an, "dafür muss bei dir immer alles Bio sein".

Um bei "Flüchtlinge willkommen" mitzumachen, braucht man eigentlich nur ein freies Zimmer; und eine Fremdsprache sollte man sprechen: "Es geht uns um das Zusammenleben, deshalb wollen wir auch keine ganzen Wohnungen an Geflüchtete vermitteln", sagt Mareike Geiling. Sie betont, dass die Webseite von "Flüchtlinge willkommen" nicht nur in Studenten-WGs vermittelt. Die Hälfte der angebotenen Wohnungen stammten von Ehepaaren, Alleinwohnenden oder jungen Familien. In Frankfurt stellte beispielsweise eine alleinerziehende Mutter einem jungen Syrer ein Zimmer zur Verfügung. Das Zusammenleben funktioniere so gut, dass der Syrer sich inzwischen als Familienmitglied fühle.

Das Interesse an der Idee war riesig, inzwischen gibt es einen Ableger des Projekts in Österreich. Es kommen Anfragen aus Portugal, Griechenland oder den USA. Das Dringendste, was sie jetzt bräuchten, wäre eine dauerhafte Finanzierung, sagt Geiling; bisher finanzierten sie sich ausschließlich über Spenden. Aber Erfolge wie der von Salah beflügeln. Er ist angekommen. Als er sich mit seinen Mitbewohnern über das WG-Leben unterhält, sagt er ganz selbstverständlich:"Ich bin ja kein Gast, es ist mein Zuhause."