Familiengipfel Träume von einer Win-Win-Situation

Die Hälfte der Eltern hat einer Studie zufolge das Gefühl, zu wenig Zeit für Freunde und Freizeit zu haben - dagegen will die Politik nun etwas tun.

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"Es geht nicht immer nur ums Geld": Kanzlerin Merkel und Familienministerin Schröder werben in Berlin für familienfreundliches Arbeiten. Gewerkschaften kanzeln den ersten Familiengipfel als "Schaufensterpolitik" ab.

Von Sarah Ehrmann, Berlin

Was brauchen Familien, um glücklich zu sein - und wie können Paare oder Alleinerziehende gleichzeitig zufriedene Eltern und erfolgreich im Job sein? Um über diese Fragen zu diskutieren, hat sich Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) am Dienstag zum Auftakt des ersten Familiengipfels in Berlin mit Spitzenvertretern aus Wirtschaft und Gewerkschaftsverbänden getroffen.

Am Nachmittag warb dann Bundeskanzlerin Angela Merkel am Rednerpult für familienfreundlicheres Arbeiten: "Es geht nicht immer nur ums Geld, es geht um Flexibilität", sagte die Kanzlerin. Familie und Beruf besser zu vereinbaren sei eine "wirkliche Win-win-Situation". Merkel plädierte dafür, die Belange der Familie ins Zentrum zu rücken, "denn wie es um die Familie steht, so steht es letztlich auch um die Gesellschaft".

Anstoß für das Treffen war der Zukunftsdialog der Kanzlerin im vergangenen Jahr. 24 Experten und zehn Bürger hatten in Fachgruppen Konzepte zur Frage "Wie wollen wir in Zukunft leben?" erstellt, einer habe den Familiengipfel vorgeschlagen, sagte Merkel. Dort werde die Bundesregierung künftig einmal im Jahr Bilanz ziehen, wie sich Arbeitszeiten, Teilzeitangebote und Kinderbetreuung entwickeln.

Laut einer Sonderauswertung des Unternehmensmonitors Familienfreundlichkeit 2013 des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat sich in den vergangenen zehn Jahren schon einiges getan in deutschen Unternehmen. War Familienfreundlichkeit im Jahr 2003 für jedes zweite Unternehmen bedeutsam, so haben nun 80 Prozent der Unternehmen das Thema auf ihrer Agenda. Mehr als die Hälfte der Unternehmen lässt Mitarbeiter bei den Arbeitszeiten mitgestalten.

Dennoch hat laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts die Hälfte der Eltern das Gefühl, zu wenig Zeit für Freunde und Freizeit zu haben, vor allem Alleinerziehende und Doppelverdiener fühlen sich oft gestresst. Im Gespräch mit Gewerkschaftern sowie Marion Schick aus dem Telekom-Personalvorstand und Bosch-Geschäftsführer Christoph Kübel kritisierte Schröder, dass in vielen Unternehmen immer noch eine Präsenzkultur herrsche. Ähnlich äußerte sich SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles im rbb-Inforadio: "Diejenigen zählen viel, die lange im Büro bleiben und Überstunden schieben. Die, die vielleicht 30 Stunden sehr produktiv arbeiten, werden dagegen karrieretechnisch zurückgestellt."

Kanzlerin Merkel sprach sich dafür aus, Eltern den Wiedereinstieg in den Job zu ermöglichen. Auf Schröders Forderung nach einem Rechtsanspruch, eine Teilzeit- wieder auf eine Vollzeitstelle aufzustocken, wollte sie nicht eingehen. Der Koalitionspartner FDP ist strikt dagegen. In Teilzeit gehen kann momentan jeder, nicht nur Eltern. Von einer beispielsweise 50-Prozent-Stelle aber wieder auf 100 Prozent zurückzukommen, gestaltet sich oft schwierig. Nach der Elternzeit haben Eltern ein Anrecht darauf, wieder voll arbeiten zu dürfen. Lassen sie allerdings zu viel Zeit verstreichen, erlischt dieses Recht. Oft hat dann ein anderer Mitarbeiter diese halbe Stelle eingenommen.

Aus Angst vor ewigen Teilzeitjobs arbeiten viele junge Mütter inzwischen auch mit Kleinkind voll. Etwa jede sechse Frau steckt nach IW-Informationen unfreiwillig in der Teilzeitfalle. Für Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall in Frankfurt, wird der Familiengipfel daran nicht rütteln: "Diese Schaufensterpolitik im Wahljahr bringt keiner Frau auch nur einen Zentimeter mehr Wahlfreiheit.".