Entwicklung der deutschen Sprache "Junge Leute haben einen immer geringeren Wortschatz"

Deutschunterricht, der die Schüler nicht erreicht - ist das das Problem?

(Foto: dpa)

Jugendliche sprechen in Sätzen ohne Satzbau und finden alles "geil": Wir müssen uns Sorgen machen um die deutsche Sprache, findet der Journalist Andreas Hock. Sind Disney-Comics im Deutschunterricht die Lösung?

Von Johanna Bruckner

Das Buch von Andreas Hock trägt den Titel "Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang der deutschen Sprache" (Riva Verlag, 15. August 2014). Das klingt ein bisschen nach klischeemäßiger Kulturkritik und gewollter Provokation. Die Gegenrede folgt prompt noch vor der Veröffentlichung: SZ-Magazin-Kolumnist Axel Hacke wehrt sich gegen das Niederschreiben der deutschen Sprache. Hock selbst will sein Buch als unterhaltsamen Abriss über 300 Jahre deutsche Sprachgeschichte verstanden wissen.

SZ.de: Herr Hock, haben Sie ein Lieblingsunwort?

Genau genommen ist es eine Wortkette: "Coffee Frappuccino Light Blended Beverage". So heißt bei Starbucks ein Eiskaffee. Für mich ist dieser Begriff ein wunderbares Beispiel dafür, wie wir uns von Marketingstrategen sprachlich verblöden lassen. Sie gaukeln uns ein Mehr an Bedeutung vor, das nicht existiert.

Sie sind nicht der erste Kritiker von Anglizismen in der deutschen Sprache. Aber vielleicht der erste, der ein zweites Übel ausgemacht hat: Gallizismen.

Friedrich der Große, ein enger Freund des Schriftstellers Voltaire, hatte irgendwann die Idee, die deutsche Sprache weiterzuentwickeln, sie sollte sich von der des Pöbels abheben. Deshalb ließ er französische Begriffe einfließen. Bei vielen Wörtern aus dem Französischen ist uns heute gar nicht mehr bewusst, woher sie ursprünglich kommen: Büro beispielsweise, Chef, oder Urinal. Die sind für mich aber gar nicht das Übel, sondern die Idee dahinter: Eine kleine Elite versucht, sich durch Sprache als etwas Besseres darzustellen.

Gutes Stichwort. Eine kleine Bildungselite ist es auch, die bestimmt, welche Bücher in den schulischen Literaturkanon gehören. Sie haben grundsätzlich nichts gegen Klassiker als Lesestoff, sagen aber, sie würden falsch vermittelt.

Wie kann man Interesse für Sprache wecken? Indem man zeigt, wozu sie fähig ist. Goethes "Iphigenie auf Tauris" mag ein bedeutendes Werk deutscher Literatur sein. Aber sind Schüler dafür die richtige Zielgruppe? Vermutlich fühlen sich viele schon allein sprachlich überfordert. Warum nimmt man stattdessen nicht Karl May in den Lehrplan auf? Er hat es geschafft, die Phantasie seiner Leser anzuregen, sie an Orte mitzunehmen, an denen er selbst niemals war - allein mit einer wunderbar anschaulichen Sprache. Oder die Disney Comics der sechziger und siebziger Jahre in den tollen Übersetzungen von Erika Fuchs.

Comics als Schullektüre?

Das ist natürlich keine Hochsprache, aber sehr wohl hohe Sprachkunst. Erika Fuchs hat mit einfachen Worten Bilder zum Leben erweckt. Und nicht zuletzt ist sie quasi die Erfinderin der Befindlichkeitssprache, wie sie von Jugendlichen in der SMS- und Social-Media-Kommunikation verwendet wird. Ausdrücke wie "stöhn", "schluck" oder "gähn" verdanken wir ihr.

Aber sperren Sie sich nicht genau dagegen: Dass Jugendliche in Sätzen ohne korrekten Satzbau sprechen?

Ja. Der Unterschied zur heutigen Verwendung ist: Erika Fuchs kannte sich so gut mit der deutschen Sprache aus, dass sie damit spielen konnte. Wenn Sie das als Deutschlehrer thematisieren, sind Sie mittendrin in einer Diskussion über die Grundlagen und Möglichkeiten der deutschen Sprache.

Verbauen wir jungen Leuten den Zugang zur deutschen Sprache, indem wir die Hürden in der Schule zu hoch ansetzen?

Die Kultusministerkonferenz muss sich schon fragen lassen, warum es selbst an den Unis immer mehr junge Menschen gibt, die nur mangelhaft Deutsch schreiben. Selbst in Diplomarbeiten finden sich einer Untersuchung des Goethe Instituts zufolge massive Rechtschreib- und Ausdrucksschwächen. Für mich liegt nahe, dass das Problem in der Schule anfängt. Anstatt die Sprache von SMS, Facebook und Twitter zum Thema zu machen, wird im Deutschunterricht allzu oft das Gehabte gelehrt. In der vergeblichen Hoffnung, dass es sich bei den Schülern durchsetzt.

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