Einsatz an Problemschulen Erst das Ehrenamt, dann die Karriere

Nie wieder zurück in die Schule - das denken viele Elite-Studenten. Nun kehren manche doch als Lehrer an Problemschulen zurück. Eine Initiative setzt Top-Absolventen an sozialen Brennpunkten ein. Danach sollen sie Karriere machen. Zwei Erfahrungsberichte.

Von Rani Nguyen

Aus dem CD-Player tönt leises Vogelgezwitscher, sonst ist es still im Klassenraum der 5b in der Grundschule am Schulstandort Müllerstraße im Berliner Bezirk Wedding. Die 19 Schüler sitzen im Stuhlkreis, haben sich nach rechts gedreht und starren auf den Rücken des Vordermanns. Mit einem Noppenball rollen sie sich gegenseitig in Kreisen über den Rücken.

Nicolás Urióstegui in seiner Grundschule in Berlin-Wedding: "Als ich an die Schule kam, haben Mädchen und Jungen noch nicht einmal miteinander geredet"

(Foto: Rani Nguyen)

Mohammed und Mahmud haben wenig Lust darauf, alle paar Sekunden fällt ihr Ball stumpf auf den grauen Linoleum-Boden. Mehmet nutzt die Zeit, um Sainab zu piesacken. "Es soll nicht wehtun, sondern entspannen", ermahnen ihn Nicolás Urióstegui und seine Kolleginnen abwechselnd. Jussuf sitzt außerhalb des Kreises - er weigert sich komplett mitzumachen.

"Soziales Lernen" heißt die Stunde, in der die Schüler spielerisch versuchen sollen, sich einander anzunähern. Nicolás Urióstegui, 28, hat diese Wochenstunde durchgesetzt, denn: "Als ich an die Schule kam, haben Mädchen und Jungen noch nicht einmal miteinander geredet", sagt er.

Der Berliner Stadtteil Wedding gehört zu den sozialen Brennpunkten der Stadt. Jeder zweite Bewohner hat ausländische Eltern. Die 5b kann diese Quote toppen: Hier liegt der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund bei 100 Prozent. Insgesamt sind 480 der 580 Schüler Migranten.

Nicolás Urióstegui, selbst halb Deutscher, halb Mexikaner, arbeitet seit Beginn des Schuljahres hier als Fellow der Initiative Teach First Deutschland an der Schule. Urióstegui hat ein Diplom in Sportwissenschaften und Medienkommunikation, erworben an der TU München - einer der Exzellenz-Unis in Deutschland.

Als Zweitlehrer unterstützt er nun die Klassenleiterin, obwohl er nie eine umfassende pädagogische Ausbildung erhalten hat. Vor dem Beginn seines zweijährigen Einsatzes hat er mit den anderen 80 Fellows, die mit ihm in diesem Schuljahr in Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen angefangen haben, ein dreimonatiges Intensivtraining absolviert. "Am Anfang ist das wie ein Sprung ins kalte Wasser", sagt Urióstegui.

Das Ziel der Initiative ist es, bessere Bildungschancen für benachteiligte Schüler zu schaffen. Dazu werden herausragende Hochschulabsolventen mit hohen sozialen Kompetenzen als zusätzliche Lehrkräfte an Schulen in Problemvierteln geschickt. Urióstegui musste bei seiner Bewerbung neben sehr guten Studienleistungen Sozialkompetenz durch soziales Engagement nachweisen. Kein Problem für den 28-Jährigen: Während seines Studiums betreute er ehrenamtlich Kinder in einem Jugendzentrum und half schwächeren Schülern bei den Hausaufgaben.

Eine Schule war nie der Traum-Arbeitsplatz für den jungen Mann, während seiner eigenen Schulzeit hatte er wenig Spaß und Motivation. Doch durch die ehrenamtliche Arbeit merkte er schnell, dass er nicht nur gut mit Kindern umgehen kann, sondern ihm die Arbeit auch viel Freude macht.

Das amerikanische Vorbild

Urióstegui bewarb sich wie etwa 750 Absolventen im Jahr bei Teach First Deutschland. Das Prinzip der deutschen Initiative stammt aus den USA, wo 1989 Teach for America ins Leben gerufen wurde. In den USA hat sich inzwischen eine regelrechte Institution daraus entwickelt. Hier unterrichten in diesem Schuljahr rund 9300 amerikanische Fellows, im vergangenen Jahr haben sich 48.000 Uni-Absolventen auf die Plätze beworben. Besonders die Abgänger der amerikanischen Elite-Unis wollen unterrichten, von der Harvard Universität bewarb sich 2010 fast jeder fünfte Absolvent.

Im Berliner Wedding jedenfalls sind die Kinder begeistert, so einen jungen Lehrer zu haben. Sie erzählen ihm aufgebracht ihre Geschichten, ziehen an seinem Pullover und albern herum, die Klassenlehrerin hält sich im Hintergrund. Offenbar haben die Schüler zu ihrem deutlich jüngeren Assistenzlehrer Urióstegui ein entspannteres Verhältnis als zu ihr.

Geschickt geht Urióstegui Kompromisse mit seinen Schülern ein und verbindet Projektunterricht mit weniger beliebten Dingen: Wer bei Basketball mitmachen möchte, muss ebenso an der vorherigen Hausaufgabenstunde teilnehmen. Aber er kann auch ernst: Als ein Junge eine Nazi-Geste imitiert, verwandelt sich sein herzliches Lächeln in einen strengen Blick. So etwas möchte er nicht nochmal sehen, ermahnt er den Schüler bestimmend. Für einen Augenblick verstummt die Klasse.

Die Zeit an den Schulen soll die Fellows herausfordern und damit für ihren weiteren Berufsweg wappnen. Sie sollen später das Prinzip nach außen tragen und als Bildungsbotschafter in ihren künftigen Führungsaufgaben in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildungswesen fungieren. Die Gehälter der Fellows werden öffentlich finanziert. Die Ausgaben, die für Anwerbung, Auswahl, Training, Betreuung und Fortbildung der Fellows entstehen, übernehmen Stiftungen, Privatpersonen und Unternehmen.