Doktorvater von Annette Schavan Verhängnisvoller Förderer

Er habe sie durch seine "fachliche Betreuung wesentlich gefördert", schreibt Annette Schavan in ihrer Dissertation über Gerhard Wehle. Doch der Einfluss ihres Doktorvaters ist in der Arbeit kaum zu erkennen. Wer Schavans Förderer ist - und warum er für die Pädagogik nur eine marginale Bedeutung hat.

Von Thomas Steinfeld

Zwei Menschen erwähnt Annette Schavan in der Danksagung zu ihrer Dissertation: zum einen den Bonner Moraltheologen Franz Böckle, über den sie schreibt, er habe ihr "Denken wesentlich geprägt", zum anderen ihren Doktorvater Gerhard Wehle, damals Professor für Erziehungswissenschaften an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf, der "die Anregung zu dieser Arbeit gegeben" und sie durch seine "fachliche Betreuung wesentlich gefördert habe".

Während aber der Einfluss des Theologen in der Dissertation deutlich zu erkennen ist, vor allem in den Ausführungen zu Kant und denen zur christlichen Ethik, scheint der eigentliche Betreuer der Arbeit eher auf die Wahl des Gegenstands und auf die Anlage der Arbeit eingewirkt zu haben - im Rahmen einer heute fast vergessenen Pädagogik, die ihre eigentliche Aufgabe in der Betreuung von Schule erkannte und zur Theorie ein, von heute aus betrachtet, eher unglückliches Verhältnis unterhielt.

Gerhard Wehle, 1924 in böhmischen Reichenberg geboren, war Soldat gewesen, bevor er Volksschullehrer wurde und daneben ein akademisches Studium der Pädagogik, Psychologie und Geschichte in Göttingen absolvierte. Die Erziehungswissenschaften an dieser Universität waren damals ein Zentrum der "Reformpädagogik", also einer am Kind und am praktischen Leben ausgerichteten Lehre, von der die Emanzipation des Faches zu einer akademischen Disziplin ausging.

Wehles Veröffentlichungen sind überschaubar

Nach zwei Jahren als Assistent im Göttinger Institut arbeitete Wehle in der Lehrerausbildung, bevor er 1961 Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Rheinland, Abteilung Neuss, wurde. Diese wurde dann 1980 im Zuge einer Neuordnung der akademischen Ausbildung in Nordrhein-Westfalen mitsamt ihren Professoren in die Universität Düsseldorf integriert. Die Promotion Annette Schavans dürfte also eines der frühesten Produkte dieser Verbindung sein.

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Wehles Veröffentlichungen sind überschaubar: Wichtigstes Werk ist seine 1956 veröffentlichte Dissertation über den Münchner Schulrat und Reichstagsabgeordneten Georg Kerschensteiner, der mit seinem Ideal der "staatsbürgerlichen Erziehung" zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Volks- und Berufsschulen reformierte. Publizistisch wirkte er vor allem als Herausgeber und Autor für Handbücher.

Zwei seiner Aufsätze, "Person und Erziehung" (1966) und "Person und Sache" (1967), weisen nicht nur in ihren Titeln auf Schavans Dissertation "Person und Gewissen" voraus, sondern gehören auch in denselben Kontext eines moralischen Kulturbegriffs, dem die Pädagogik als Lehre von der praktischen Vermittlung guter und richtiger Bildung zugeordnet wird.

Gerhard Wehle wurde 1989 emeritiert. Auch das Pädagogische Institut gibt es nicht mehr. Im Zuge einer Neuordnung der Lehramtsstudiengänge fiel es 2008 der Universität Wuppertal zu.