Digitalisierung Raus aus der Kreidezeit

Unterricht an einem Gymnasium in Baden-Württemberg

(Foto: dpa)

Die Welt wird digital, doch Schüler und Lehrer merken das noch kaum. Es mangelt den Schulen an der Ausstattung, vor allem aber fehlt ein ordentliches Digitalkonzept für den Unterricht.

Essay von Helmut Martin-Jung

Um den Job eines Bildungsministers musste man noch nie jemanden beneiden. Geboten wird der Kontakt zu vielen unterschiedlichen Interessensgruppen, und immer ist zu wenig Geld da. Doch es kann noch schlimmer kommen. Denn die Kultusminister und -ministerinnen der Länder wie ihre Kollegin Johanna Wanka im Bund sehen sich heute einer weiteren Herausforderung gegenüber: Die Welt digitalisiert sich. Die Schüler müssten auf diesen Kulturwandel, diese neue industrielle Revolution vorbereitet werden - doch das deutsche Bildungssystem ist dabei, dieses Thema grandios zu versemmeln.

Liebe Kultusminister, kommen Sie jetzt bloß nicht mit einer Ihrer Musterschulen! Klar, die gibt es. Schulen, an denen wenigstens zu einem gewissen Teil schon gelebt wird, was eigentlich längst Standard sein müsste. Meist beruht das auf Eigenleistung der Schulleitung oder engagierter Lehrkräfte. Aber das zählt nicht, kann nicht zählen, denn die Digitalisierung betrifft jeden. So aber, wie das Bildungssystem in der Breite damit umgeht, bleibt es im Wesentlichen den Schülern selbst, ihren Eltern und einigen privaten Initiativen überlassen, die riesige Lücke zu füllen, die da klafft.

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Nur, woran liegt das, woran fehlt es eigentlich?

Die meisten denken als erstes an die Ausstattung der Schulen. Und ja, damit sieht es in den meisten Fällen schlimm aus. Mal geht das Wlan, dann geht es wieder nicht - wenn es denn überhaupt eines gibt in der Schule. Die Computer: Nicht selten sind es ohnehin solche, die anderswo schon ausgemustert wurden; und nach ein paar Jahren ist eben auch ein neu gekaufter Rechner den ansteigenden Anforderungen nur noch bedingt gewachsen.

Dass die Milliarden vorerst nicht fließen, könnte ein Segen sein

Und dann gibt es den forschen Landrat, der mal eben schnell für alle seine Schulen interaktive Whiteboards bestellt, leider ohne vorher mal bei den Schulleitern vorstellig zu werden. Weshalb viele der teuren Dinger nun in Kellern vor sich hin gammeln. Oder der IT-Fuzzi einer Stadt entscheidet mal eben, welche Systeme für die Schulen der Kommune gekauft werden. Während Firmen dafür eine eigene Abteilung haben, die sich um den Gerätepark kümmert, bleibt es in den Schulen oft genug der Eigeninitiative von Lehrerinnen und Lehrern überlassen, die unvermittelt über sie gekommenen Computer und das Schulnetzwerk zu warten - was sie nicht selten in ihrer Freizeit machen müssen.

Digitaloffensive? Im Moment ist alles offen

Die technische Ausstattung zu verbessern, ist vor allem eine Frage des Geldes. Daran sollte es eigentlich nicht fehlen, und es kam auch ziemlich gut an, als Bundesbildungsministerin Wanka eine fünf Milliarden Euro schwere Digital-Bildungsoffensive des Bundes ankündigte. Nur hatte sie sich ganz offenbar nicht mit ihrem Kollegen vom Finanzressort abgesprochen. Nun also wird das Geld frühestens nach der Wahl freigegeben werden. Wie viel genau aber und wann es wirklich fließt - im Moment ist das alles offen.

Vielleicht ist das aber auch ein Segen. Denn das wirkliche Problem liegt ja woanders. Es gibt einfach zu wenige didaktischen Konzepte, wie die Kinder auf die digitalisierte Welt vorbereitet werden sollen. Die aber wären die Voraussetzung dafür zu entscheiden, welche Ausstattung die Schulen bräuchten. Und natürlich müssten auch die Lehrer dementsprechend ausgebildet werden.