Debatte über achtstufiges Gymnasium Lehrer fordern flexiblere Wege zum Abitur

Das bayerische Modell des G 8 erntet scharfe Kritik von Experten: Philologenverband und Gewerkschaften wollen Schülern weniger Leistungsdruck zumuten. In Regierungskreisen ist von einer ganz neuen Form des Gymnasiums die Rede.

Von Roland Preuß, Mike Szymanski und Frank Müller

Erste Überlegungen in der bayerischen Staatsregierung, wieder ein Abitur nach neun Jahren anzubieten, fachen die bundesweite Debatte über das achtjährige Gymnasium (G 8) neu an. Der Chef des Deutschen Philologenverbandes, Hans-Peter Meidinger, forderte Alternativen zum Abitur nach acht Jahren. "Das Thema G 8 kommt nicht zur Ruhe, trotz mehrfacher Nachbesserungen", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Auch weitere Kürzungen im Lehrplan oder spezielle Förderstunden lösten nicht das Grundproblem. "Es gibt Schüler, die zu wenig Zeit haben."

Mehrere Bundesländer verabschieden sich derzeit von einem reinen G 8 und bieten alternativ den Abschluss nach neun Jahren an, wie etwa Baden-Württemberg und Hessen. Niedersachsen hat kürzlich ebenfalls eine Reform angekündigt. Meidinger lobte das hessische Modell als mögliches Vorbild. Dort können die Gymnasien selbst entscheiden, ob sie G 8, G 9 oder beides anbieten. Etwa 70 Prozent der Gymnasien haben sich für ein G-9-Angebot entschieden.

Auch die Gewerkschaft GEW begrüßte die Entwicklung. "Es ist ein richtiger Schritt, Leistungsdruck rauszunehmen", sagte GEW-Schulvorstand Ilka Hoffmann. Die Schüler sollten gemeinsam bis zur 10. Klasse lernen und dann unterschiedlich lange Wege zum Abitur nehmen können. "Tempo in der Oberstufe ist in Ordnung, aber nur für die, die es wollen."

Ein ganz neues Modell scheint möglich

Zuvor war bekannt geworden, dass in Bayern offenbar erwogen wird, wieder G-9-Angebote zu machen. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) blieb allerdings zurückhaltend: "Zum G 9 gibt es überhaupt nichts Neues." Bislang hatte er angekündigt, ein Konzept des bayerischen Philologenverbandes für ein modernes neunjähriges Gymnasium abwarten zu wollen. Das soll nun bereits nach den Kommunalwahlen in Bayern am 16. März in Grundzügen vorgelegt werden. Die Staatskanzlei bestritt, dass es "Überlegungen oder Vorbereitungen zu einer Rückkehr zum G 9 gibt".

Tatsächlich ist in Regierungskreisen auch von einem ganz neuen möglichen Modell die Rede. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) nannte den SZ-Bericht "Spekulation", erklärte aber im Bayerischen Rundfunk: "Acht Jahre für alle ist pädagogisch überholt. Und neun Jahre für alle ist pädagogisch überholt." Bislang bietet der Freistaat Schülern an, ein freiwilliges Zusatzjahr auf dem Weg zum Abitur einzulegen. In der Praxis wird das Angebot offenbar kaum angenommen. Konkrete Zahlen dazu verweigert die Behörde bislang.

Unter Druck setzt die Regierung ein von den Freien Wählern gestartetes Volksbegehren für eine Wahlmöglichkeit zwischen G 8 und G 9. Es hat mit 25 000 Unterschriften die erste Hürde genommen. Damit könnte den Bayern ein Wahlkampf zu dem Thema bevorstehen. In der CSU-Landtagsfraktion gibt es Widerstände gegen eine Strukturreform. "Es bleibt beim G 8 mit seinen flexiblen Möglichkeiten der individuellen Förderungen und es gibt keine Rückkehr zum G 9", teilte Fraktionschef Thomas Kreuzer mit. Im Parlament hatte die CSU das G 8 zehn Jahre lang gegen Proteste verteidigt.