DDR in der Grundschule Drittklässler proben den Aufstand

Ganz schön ungerecht, die ganze Sache: Viele Kinder wissen zu wenig über die DDR. In Rollenspielen sollen Grundschüler das Leben in einem Regime nachvollziehen - und den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur verstehen lernen.

Von Johann Osel

Die Stimmung gärt. Fast alle Kinder schlüpfen in die Rolle der Arbeiter, mit Spielzeughämmerchen werkeln sie im Klassenzimmer, manche tragen Bauhelme aus Plastik. Nach der Schufterei dürfen sie sich endlich an einem Tisch anstellen, das soll der Laden sein, es gibt Bezugskarten für Fleisch, Gemüse, Brot. Doch das Angebot ist dürftig, die Letzten in der Schlange bekommen gar nichts. Und auf einem Podest daneben sitzen die Regierenden mit strengem Blick, Parteimitglieder dämpfen jeden Unmut. Da können auch nicht die Mitschüler helfen, die zuvor eine Gewerkschafterkarte erhielten.

Es kommt zum Streik, zum Aufstand. Ein paar Kinder haben die Fluchtkarte bekommen, sie malen einen Koffer - mit fünf Dingen, die sie in den Westen mitnehmen. Andere landen im Gefängnis, sie müssen in der Ecke des Klassenzimmers auf einem Bein stehen. Ganz schön ungerecht, die ganze Sache.

Am Montag jährt sich der Aufstand vom 17. Juni 1953 zum sechzigsten Mal. Zusammen mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat die Bildungsagentur Capito "Probe den Aufstand" kreiert. Durch das Rollenspiel, sagen die Macher, sollen die Schüler DDR-Geschichte emotional kennenlernen. Mit einer Fülle an Projekten begleitet die Stiftung den 17. Juni - mit dem Mauerbau und der Wendezeit sei der Aufstand "eines von drei Ereignissen, die beispielhaft die Geschichte der DDR abbilden", heißt es.

Geboren in einem längst wiedervereinigten Land

"Das Spiel schafft die Identifikation mit dem Ereignis. Ein grundsätzliches Demokratieverständnis und erstes Wissen bleiben da viel besser hängen", meint Kathrin Rohwäder. Die Lehrerin einer Schule in Berlin-Friedrichshain hat es mit ihren Drittklässlern ausprobiert, je vier Schulstunden an zwei Tagen. Zwischen den Phasen des Aufstands gibt es inhaltliche Lektionen und Nachfragen, wie die Kinder das Ganze verstehen. Ihre Schüler sind acht Jahre alt, also geboren in einem längst wiedervereinigten Land.

Auffällig an vielen Projekten, die in der Stiftung und durch ihre Förderung entstehen, ist: Sie wenden sich explizit an Jüngere, der Zugang wird immer spielerischer. Zum 17. Juni hat man auch einen Wettbewerb lanciert, ganz modern: In einem Online-Buch sollen Schüler Texte und Videos eintragen zur Frage, was Freiheit bedeutet. Ein Kinderbuch behandelt die Teilung anhand einer Brieffreundschaft zwischen einem Jungen aus dem Osten und einem Mädchen aus dem Westen Berlins. An junge Leute richtet sich auch ein Kurzfilm zum 17. Juni, eine flippige Collage historischer Aufnahmen und bunter Bilder.

"Beim Material für Grundschulen gibt es nach wie vor Lücken. Die schließen wir gerade", sagt Jens Hüttmann, Leiter der schulischen Bildungsarbeit der Stiftung. Die Kinder sähen in den Medien oft Bilder, die ihre Neugier weckten - aktuell die Proteste in Istanbul. Hier müsse man sie abholen bei ihren Fragen. "Auch Grundschüler sollten schon in der Lage sein, zwischen Demokratie und Diktatur zu unterscheiden, also nicht historische Daten aufsagen, sondern Geschichtsbewusstsein entwickeln".

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