Computer in der Grundschule Kleine Dopaminheads

In England und Amerika werden Computer schon in der Grundschule eingesetzt. Bei uns ist das verpönt. Falscher Ansatz, findet unsere Autorin. Hier ihre Langzeitbeobachtung.

Von Kristin Rübesamen

Eigentlich müssten meine beiden Töchter längst Serienkiller sein. Oder wenigstens verhaltensauffällig und in Therapie, ratlos einen Bleistift in der Hand haltend, nicht in der Lage, einen Baum zu zeichnen, Blickkontakt zu halten, ein Mensch zu sein. Denn vom ersten Schultag an hatten sie ungeschützten Kontakt mit Computern, müssten also das perfekte Beispiel sein für die unausweichlich verkorkste Erziehung in der digitalisierten Welt.

Computer sind mittlerweile an fast allem schuld. Das Nachrichtenmagazin Newsweek behauptete vor ein paar Wochen in seiner Titelgeschichte namens "I-mad!" sogar, dass die Gehirne von Internetabhängigen den Gehirnen von Drogensüchtigen und Alkoholikern ähneln.

Also bat ich neulich meine offenbar dopaminabhängigen Töchter, die ohne das Eintreffen neuer Mails und dem damit verbundenem Glücksgefühl angeblich nicht mehr leben können, sich zu erinnern, wie es losging, vor mehr als zehn Jahren. Sie sagten, es hätte alles ganz harmlos begonnen (wie bei allen Drogenkarrieren?), als sie, damals 6 und 8, im Computerraum einer öffentlichen Grundschule in Manhattan saßen. Zusammen mit den anderen Vier- bis Siebenjährigen. Und wie die meisten, spielten auch meine Töchter in dieser bei Müttern beliebten, weil kostenlosen Nachmittagsbetreuung Schach gegen den PC.

Sie ließen sich anschließend ohne Widerspruch abholen. Später lungerten sie auf den Schildkröten aus Stein am Washington Square Park herum, die Wasser speien können, und beobachten die glitzernden Wassertropfen, süß und staunend. (Oder waren das schon die ersten Anzeichen der Nerd-typischen Einsamkeit?)

Zur selben Zeit installierte der indische Erziehungswissenschaftler Sugata Mitra in einem Slum in Neu Delhi einen Computer mit Internetzugang in einer Maueröffnung, bewacht lediglich von einer Videokamera. Bald hing eine Traube von Kindern vor dem seltsamen Fernsehapparat. Das später an abgelegenen Orten im Land wiederholte, als "Loch in der Wand" berühmt gewordene Experiment bewies, dass sich Kinder selbständig, ohne Lehrer gegenseitig alle Funktionsweisen beibrachten, die sie interessierten. Die jüngeren Kinder zeigten es ihren älteren Geschwistern, selbst die dümmsten Kommentare der Zuschauer trugen zum Lernerfolg aller bei.