Chefin der Kultusminister "Eine neue Art des Lernens"

Claudia Bogedan ARCHIV - Claudia Bogedan (SPD), Bremer Senatorin posiert im Rahmen einer Pressekonferenz am 03.12.2015 in Berlin. Die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) Claudia Bogedan, will neben der Schulintegration von Flüchtlingskindern auch die digitale Bildung in Deutschland voranbringen. Foto: Jörg Carstensen/dpa (zu dpa 'Neue KMK-Chefin: Digitale Bildung bietet Schulen große Chancen' vom 28.12.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Die Welt verändert sich rasant - die Schule muss es genauso machen, sagt Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan. Doch nicht alle können mithalten.

Interview von Johann Osel

SZ: Frau Bogedan, Bremen ist meist das Schlusslicht der Länder in Leistungstests für Schüler. Als Sie vor einem halben Jahr als Senatorin angetreten sind, wann kamen da die ersten Sprüche oder Witze?

Claudia Bogedan: Witze nicht, vielleicht der eine oder andere schnippische Spruch. Natürlich haben viele gesagt: "Mensch, was ist das denn für eine Riesenaufgabe, hast du dir das wirklich gut überlegt?" Und natürlich überlegt man sich das gut, wenn man weiß, dass die anstehenden Probleme nicht per Handstreich zu lösen sind und dass man wohl erst auf lange Sicht Erfolge einfährt. Aber die Ausgangsbasis ist nicht so schlecht: Wir setzen auf frühe Förderung von Kindern, wir entwickeln gute Konzepte, um das, was uns hauptsächlich Platz 16 einbringt, aufzulösen - die immer noch starke Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg, vor allem im Zusammenhang mit Migration.

Ein Thema, das mittlerweile alle Schulen betrifft, selbst auf dem platten Land. Sie leiten 2016 die Kultusministerkonferenz.

Die aktuelle Zuwanderung durch Flüchtlinge ist eine Aufgabe für die gesamte Bundesrepublik. Da kann gerade ein Land wie Bremen als gutes Beispiel wirken und zeigen, wie man zu einer gelingenden Integration beitragen kann. 50 Prozent der Kinder, die wir in der Stadtgemeinde Bremen einschulen, haben einen Migrationshintergrund. An unseren Erfahrungen kann die Kultusministerkonferenz teilhaben.

Was sind die entscheidenden Erfahrungen, gute wie schlechte?

Die Kultusminister haben sich verständigt, dass die Verschiedenartigkeit von Kindern, ethnisch, religiös, sozial, Baustein in der Lehrerausbildung sein muss. Das haben wir schon umgesetzt - es ginge ja gar nicht anders. Wir haben viele Dinge wie die Sprachförderung und Diagnosen in der Kita aber Schritt für Schritt entwickelt und sehen da auch, welche Konzepte fruchten und welche nicht so passend sind.

Was können Sie denn in diesem Jahr als gemeinsame Strategie für Flüchtlingskinder auf den Weg bringen?

Die einen Länder haben noch eine demografische Rendite, da die Zahl der Kinder zurückgegangen ist. Die Schulen sind nicht mitgeschrumpft - da gibt es Puffer für Neuankömmlinge. Andernorts sind Kommunen gewachsen und bekommen neue Schüler obendrauf. In dieser Spannbreite verbietet es sich, die eine Lösung für alle schaffen zu wollen. Aber wir werden über zentrale Aufgaben reden: Die Lehrerbildung will ich speziell in der aktuellen Situation beleuchten, vielleicht kann es zu gemeinsamen Modulen im Studium kommen. Es geht sicher nicht darum, dass alle Länder die gleichen Willkommensklassen bieten - wir brauchen übergreifende Initiativen, die jetzt schnell ausgebaut werden sollen. Auch bestehende, wie das Bund-Länder-Programm für Sprachlern-Kitas.

Ist nicht Schule generell noch zu stark auf Klassen mit 30 deutschen Mittelschichtkindern gleichen Niveaus fixiert?

In Bremen sicher nicht.

Weil es hier diese Klassen gar nicht gibt?

Genau. Die Denkweisen haben sich aber überall geändert. Wobei ich nicht ausschließen will, dass manche Akteure im Bildungsbereich noch das Bild der eigenen Schulerfahrung im Kopf haben. Davon muss man sich loseisen und anknüpfen daran, wie die Schule heute funktioniert und wie die Gesellschaft heute ist. Klassenzimmer sind immer so bunt und heterogen wie die Gesellschaft, auch schon vor den aktuellen Geflüchteten. Soziologen finden da ja immer spannende neue Begriffe. Ich glaube: Wir leben mittlerweile in einer neuen Gesellschaft. Das erfordert von der Schule eine ständige Anpassungsleistung.

Sie haben den Bund erwähnt. Seit Jahren wird darüber gestritten, ob er in die Schulen der Länder direkt investieren darf. Dagegen steht das sogenannte Kooperationsverbot. Steht dieses jetzt durch die vielen Flüchtlinge vor dem Fall?

Diese Debatte führt auf ein falsches Feld. Wenn wir jetzt eine lange Debatte über das Kooperationsverbot anfangen, bleiben die Probleme nur liegen. Es ist besser, dort draufzusatteln, wo Bund und Länder schon kooperieren, zum Beispiel bei Sprachlern-Kitas. Das hilft den Bundesländern und Kommunen.

Die Zuwanderung ist eine Mammut-Aufgabe - auch für Schulen. Einige Bundesländer haben mit multikulturellen Klassen schon mehr Erfahrung - Bremen, zum Beispiel.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Bleibt denn den Kultusministern noch Zeit für andere Themen 2016?

Ein zweiter Schwerpunkt, den ich setzen möchte, ist die Digitalisierung. Da brauchen wir einen großen und guten Schritt nach vorn. Die Debatte der vergangenen Jahre ging in meinen Augen häufig am Thema vorbei, es ging um die Frage, ob alle Kinder in der Schule ein Tablet brauchen. Das ist ein angesagtes Thema, die Industrie zieht es entsprechend hoch. Ich glaube aber, wir benötigen einen ganzheitlichen Ansatz - dass digitale Bildung nicht nur Technik und den Umgang mit Endgeräten umfasst, sondern auch eine neue Art des Lernens und Arbeitens.

Das heißt konkret?

Ich habe die bunten Klassen angesprochen, ein Ziel ist, dass sie mit Technik asynchron lernen können, auch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Beispielsweise können Videos den Aha-Erklär-Moment durch den Lehrer vervielfachen, und das lässt sich bei den Hausaufgaben vielleicht noch einmal anschauen.

Das wird schwierig in Klassen, in denen ein einziger PC aus den Neunzigern steht.

Das ist nicht der Knackpunkt, Kinder haben normalerweise die Technik, Smartphones oder Internetzugang zu Hause. Was fehlt, ist ein Ort, wo sie reflektieren können über ihren Umgang mit der digitalen Welt, Fragen der Privatsphäre im Netz etwa. In Bremen arbeiten wir zudem mit einer digitalen Plattform, die Schüler, aber auch Lehrer nutzen, damit bei Vertretungen ein Lehrer nicht irgendwas unterrichtet, sondern das Material einsehen kann und lückenlos an den vorherigen Unterricht anschließt.

In Bremen regiert seit Menschengedenken die SPD, in der Konferenz der Kultusminister haben Sie es nun mit Parteiendebatten zu tun. In der Bildung sind diese häufig ideologisch . . .

. . . aber die Kultusministerkonferenz hat sich in eine Richtung verändert, in der die große ideologische Schlacht nicht mehr stattfindet. Alle haben ähnliche Herausforderungen, da regiert Pragmatismus. Ein Beispiel ist das Schulsystem, Gemeinschaftsschule ja oder nein: Es mussten mancherorts wegen sinkender Schülerzahlen schlichtweg Schulen zusammengelegt werden, da kam der Vorstoß sogar von CDU-Bürgermeistern. Und man hat gesehen, dass es funktioniert. Die Bildungssysteme sind historisch gewachsen und sie spiegeln die Verhältnisse vor Ort. Es gibt nicht den goldenen Weg in der Bildung. Das wissen wir alle.