Wissenschaftsmagazin "Porn Studies" Porno durch die akademische Brille

Wissenschaftsjournale können ganz schön abtörnen. Doch zwei Britinnen haben sich ein denkbar populäres Forschungsthema für ihre Zeitschriftenreihe ausgesucht: Pornografie.

Von Johanna Bruckner

Big Brother, Germany's Next Topmodel, Dschungel Camp: Es gibt Bildschirmformate, die viele Zuschauer haben - aber kaum bekennende. Und dann gibt es ganze Genres, die ob ihrer (vermeintlichen) Anrüchigkeit in der gesellschaftlichen, medialen und erst recht wissenschaftlichen Diskussion nur insofern vorkommen, als dass der gemeinsame Konsens bestärkt wird: Porno ist schlecht und deshalb inhaltlich nicht der Rede wert.

Umso mehr erstaunt da eine Meldung aus Großbritannien. Dort wollen sich nun ausgerechnet zwei Wissenschaftlerinnen des Themas annehmen. Wie der Guardian berichtet, haben Feona Attwood, Professorin für Medienwissenschaft an der Middlesex University, und ihre Kollegin Clarissa Smith von der University of Sunderland ein wissenschaftliches Magazin mit dem Titel Porn Studies ins Leben gerufen. Die erste Ausgabe soll im Frühjahr kommenden Jahres erscheinen.

Die Ankündigung "des ersten (...) Journals, das all jene kulturellen Produkte und Dienstleistungen kritisch untersucht, die als Pornografie bezeichnet werden", verknüpften die Herausgeberinnen mit einem sogenannen "call for papers": einem Anruf an Wissenschaftler relevanter Disziplinen, theoretische und empirische Beiträge zum Thema einzureichen. Dazu zählen in diesem Fall unter anderem die Fachbereiche Soziologie, Kriminologie, Medienwissenschaften, Cultural und Gender Studies.

Ernstes Anliegen

In der Fachzeitschrift erscheinen sollen nur solche Arbeiten, die einer vorherigen Begutachtung durch Kollegen standgehalten haben. Das ist ein Indiz dafür, dass es den beiden Frauen durchaus ernst ist mit ihrem Vorhaben - denn die sogenannten "Peer Review" ist eine im Wissenschaftsbetrieb anerkannte Methode zur Qualitätskontrolle. Ein weiteres Indiz ist ihr akademischer Hintergrund: Attwood und Smith haben sich schon früher mit dem Thema beschäftigt, zuletzt im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Nutzung von Internetpornografie.

Warum aus dem Interesse der beiden Wissenschaftlerinnen gerade jetzt eine Fachzeitschrift hervorgeht - die Problematik Omni-Präsenz von Pornografie durch das Internet ist ja bereits seit Anfang des neuen Jahrtausends latent -, lässt sich nur spekulieren. Vielleicht hatten Attwood und Smith einfach die Nase voll, dass ihr Spezialgebiet trotz seiner Relevanz bislang wissenschaftlich weitgehend ignoriert wurde: Pornography Studies stecken noch in den Anfängen, heißt es in der Ankündigung - was der Guardian als implizite Kritik an den Cultural Studies interpretiert.

Shades of Grey als Inspiration?

Vielleicht, so heißt es dort weiter, habe der Zeitpunkt aber auch einen weit weniger wissenschaftlich hehren Hintergrund. "Das Timing legt nahe, dass das EL-James-Phänomen den Ausschlag gegeben hat für den Launch." Allerdings dürfte es fraglich sein, ob Porn Studies eine ähnlich große Leserschaft anzieht wie die Shades-of-Grey-Reihe.

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Vorerst bleibt aber abzuwarten, ob Attwood und Smith überhaupt genügend Kollegen finden, die das Thema genauso ernstnehmen wie sie selbst - und das angekündigte Magazin nicht nur als Ausrede benutzen, um auf ihren Laptops ungeniert Pornos gucken zu können, wie der Guardian scherzhaft anmerkt.

Einen Mitstreiter haben die beiden Forscherinnen zumindest schon: Der Brite Jon Millward machte jüngst Schlagzeilen, weil er Monate in einer Internetdatenbank für Sexfilm-Darsteller verbrachte und die dort hinterlegten Informationen statistisch auswertete. Dank ihm wissen nun auch all jene, die nie einen Porno gucken würden, dass die gemeine Darstellerin Nikki heißt, braune Haare hat und ein B-Körbchen trägt.