Bildungsreformen Grundlegende Renovierung statt neuer Fassade

Hauptschulen werden abgeschafft, aus G9 wird G8. Seit Jahrzehnten erfindet die Politik immer neue Konzepte. Doch wir brauchen keine Strukturreformen und auch keine "Bildungsrevolution". Wir brauchen eine Evolution der Bildung, die alle Schüler mitnimmt - auch und ganz besonders die schwachen.

Ein Essay von Johann Osel

Es muss eine wundersame Maschine sein, die im Keller der Kultusministerkonferenz in Bonn steht und bei Bedarf an alle Länder verliehen werden kann. Manchmal jedenfalls stellt man sich vor, dass es so einen Apparat geben muss, eine Schularten-Erfindungsmaschine, in die man Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien packt, Schleudergang drückt und binnen kürzester Zeit ein neues Konzept ausgespuckt bekommt. Oder auch oft nur: einen neuen Namen. Gemeinschaftsschule, Sekundarschule, Oberschule, Werkrealschule, integrierte und kooperative Gesamtschule, Mittelschule, Mittelstufenschule, Realschule plus. Willkommen im Dschungel, willkommen in einem aus den Fugen geratenen Schulsystem, das Schüler und Eltern verwirrt und verärgert.

Recherche

"Welche Bildung brauchen unsere Kinder wirklich?" Diese Frage hat unsere Leser in der zweiten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von zahlreichen Beiträgen, die sie beantworten sollen. Alles zur Bildungsrecherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Doch Deutschland braucht nicht ständig neue Reformen des Bildungssystems, sondern eine Reform der Bildung. Neue Schulen bringen keine neuen Schüler hervor, die Abschaffung etwa der Hauptschule schafft ja nicht den Typ des leistungsschwächeren Schülers ab. Und vom Schild an der Pforte oder einem ambitionierten Konzept alleine ist noch niemand klüger, reifer, fleißiger geworden. Schulen können sich Schüler nicht wünschen - sie müssen mit denen arbeiten, die sie von der Gesellschaft bekommen.

Nun ist es nicht reine Profilierungssucht, die Minister am System basteln lässt. Vielmehr gibt es zwei Gründe: Einerseits die sinkenden Schülerzahlen, so dass vor allem auf dem Land verschiedene Schularten fusionieren müssen. Andererseits der Gedanke, dass Kinder mit unterschiedlichen Niveaus gemeinsam lernen - damit sich die Stärkeren und die Schwächeren gegenseitig beflügeln. Doch das funktioniert nur, wenn nicht in der neuen Hülle die alten Muster fortgesetzt werden.

Seit Jahrzehnten vergeuden Regierungen Geld und Zeit

Eine Strukturreform ist schnell gemacht und lässt sich leicht als politischer Erfolg verkaufen. Seit Jahrzehnten vergeuden Regierungen genau damit Geld und Zeit - insbesondere nach dem Pisa-Schock, der Deutschland aufzeigte, dass die Leistungen der Schüler weltweit nur im Mittelfeld liegen. Dabei müssen die Rahmenbedingungen von Schule und vor allem der Unterricht anders werden, besser werden.

Und sie können besser werden. Nicht durch eine Bildungsrevolution, die von heute auf morgen alles auf den Kopf stellt. Sondern als ernst gemeinte Evolution. Nicht per Knopfdruck, nicht mit dem Erlass einer Reform, die für sich in Anspruch nimmt, den Stein der Weisen gepachtet zu haben. Sondern Schritt für Schritt, umzusetzen von den Lehrern an der Basis - und begleitet freilich durch einen tiefen Griff in die Kassen.

Ein Jugendlicher, zumal einer ohne Bildungshunger durch elterliche Erziehung, ist kein mit Wissen zu befüllendes Gefäß. Er braucht einen Lernraum Schule, der auch Lebensraum ist, in dem er Angebote vorfindet, die neugierig machen und zum Lernen anregen. Das muss keine Beerdigung des Frontalunterrichts sein, auch für den gibt es Argumente. Wenn in einer Klasse soziale Schieflagen derart aufeinanderprallen, dass tatsächlicher Unterricht nur einen Bruchteil der Stunde stattfinden kann, dann sind nur durch Gruppenarbeit die Probleme nicht verflogen. Aber etwas Abwechslung bei den Methoden wäre schon mal ein Anfang.

Hinderlich sind die straffen Lehrpläne, die Häppchen-Taktung in 45-Minuten-Einheiten, die Fixierung auf "abprüfbares Wissen". Schule orientiert sich wenig am Lernen, dafür stark an der Vergabe von Zertifikaten. Was von dem zur Prüfung Abgespulten dauerhaft hängenbleibt, spielt eine Nebenrolle. Am Gymnasium hat sich das durch die achtjährige Schulzeit verstärkt. Allerdings wird das zusätzliche Jahr im alten G9 heute oft romantisiert, das Grundprinzip - Schlagwort "Bulimie-Lernen" - war und ist dort allerdings das gleiche.

"Ich habe Tinnitus im Auge - ich sehe überall nur Pfeifen"

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