Bildungspolitik Wir haben Grund zum Streiten

Peter Grottian, 75, Hochschullehrer für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin a. D., seit 2007 nach eigenen Angaben "im Unruhestand". Er war Mitinitiator des studentischen Bildungsstreiks 2009.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Die Hochschulpolitik spielt im Bundestagswahlkampf keine Rolle. Dabei gäbe es Themen genug. Vier Vorschläge.

Gastbeitrag von Peter Grottian

Über Bildung wird im Bundestagswahlkampf gestritten, über Kitas, Schulen und Weiterbildung - aber selten über die Nöte der Hochschulen und der Studierenden. Angela Merkel und Martin Schulz haben dazu genauso wenig zu sagen wie die FDP, die der Bildung doch eine hohe Priorität einräumen will. Eine öffentliche Debatte über den Zustand der Hochschulen? Fehlanzeige.

Dabei wäre eine Debatte dringend nötig. Jenseits der Exzellenzinitiative dümpelt das Gros der Hochschulen dahin. Bei den Studierenden gibt es bisher kaum Anzeichen des Aufbegehrens, aber eine bundesweite Mittelbau-Initiative formiert sich inzwischen erfolgreich und legt in diesen Tagen ein ambitioniertes Programm vor. Themen, über die es sich zu streiten lohnt, gibt es genug. Vier Vorschläge:

1. Abschaffung des Lehrstuhlprinzips und des Habilitationszwangs. Professoren haben als Alleinherrscher abgewirtschaftet. Sie entsprechen nicht mehr dem Leitbild moderner Dienstleistungsgesellschaften. Eine Enquete-Kommission des Bundestages soll bis Ende 2018 ein Leitbild zur Entwicklung einer demokratischen Hochschulstruktur entwickeln. Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiter, Wissenschaftler und Gewerkschaften sind angemessen an der Mitwirkung in der Kommission zu beteiligen. Gefragt ist ein differenziertes System unterschiedlicher Hochschullehrertypen, mit dem expliziten Schwerpunkt auf Lehre oder Forschung. Als Teilzeit-Professur oder Vollzeit-Professur, um die Berufstätigkeit, die Familie und die Arbeitsteilung realisieren zu können. Nur so wird sich der Frauenanteil an den Hochschullehrern relativ rasch steigern können. Abgeschafft gehört zudem der Zwang zur Habilitation. Wegen einer Formalität bleibt ausgewiesenen und produktiven Forschern sowie in der Lehre erfahrenen Mitarbeitern der Zugang zu Hochschullehrerstellen versperrt. Andere Bildungssysteme kommen ohne Habilitation blendend aus.

2. Mehr unbefristete Stellen in der Wissenschaft. Deutschland hat den ausgebautesten Niedriglohnsektor klassischer Bildungsgesellschaften - selbst die neoliberalen USA haben ihren wissenschaftlichen Nachwuchs nicht so im Regen stehen lassen wie die Bildungsrepublik Deutschland. Entstanden ist ein wissenschaftliches Prekariat. Mehr als 80 Prozent der Stellen im Mittelbau der Universitäten sind befristet, hoch qualifizierte Forscher arbeiten häufig zu Dumpinglöhnen. Nötig wäre ein Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes für wissenschaftliches Personal an den Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen und eine schrittweise Entfristung, die jedes Jahr fünf Prozent mehr Dauerstellen schafft. Eine Wissenschaftskarriere muss möglich sein, an deren Ende keine Professur steht. Und für zumindest ein Drittel der circa 5000 Privatdozenten sollte eine Professoren-Perspektive ermöglicht werden. Die Privatdozenten erfüllen alle Voraussetzungen für eine Professur, müssen aber derzeit zum Nulltarif lehren. Wenn sie die Lehre vernachlässigen, wird ihnen die Lehrbefugnis entzogen.

3. Hilfe für Lehrbeauftragte. 90 000 Lehrbeauftragte, also Honorarkräfte, die nicht angestellt sind, arbeiten an deutschen Universitäten, viele für drei Euro die Stunde. Bis zum Sommer 2018 sollte ein Bundesnotprogramm für die Lehrbeauftragten beschlossen werden. Die Vergütungen sollen verdoppelt und vom Bund zu 100 Prozent als Feuerwehr-Aufgabe übernommen werden. Das Vergütungssystem für Lehrbeauftragte soll im Sinne eines Teilzeitprogramms tarifvertraglich ausgestaltet werden. Man muss von zwei Lehraufträgen bescheiden leben können.

4. Reduzierung der Bürokratiemacht der Rektoren. Das Verhältnis von Fachbereichskürzungen und Ausweitung der Hochschulverwaltungen ist bisher nur unzulänglich ermittelt worden, aber an der Grundtatsache gibt es keinen Zweifel: Die Fachbereiche und Institute sind in den Haushalten über Jahrzehnte gezaust worden, während die Hochschulverwaltungen gleichzeitig erheblich ausgeweitet wurden. Als Manager der Hochschulen versuchen einige Rektoren, es den Managern der Wirtschaft gleichzutun - ohne Rücksicht auf die Vielfalt der Universitäten. Mancher träumt schon davon, seine Universität an die Börse zu bringen. Es wäre ein weiterer trauriger Höhepunkt der Ökonomisierung der Hochschullandschaft.